Autorenporträt E. M. Cioran II: Die Freiheit des Zweifelns

Geschrieben von: Johannes Schüller

Blaue Narzisse, Montag, den 07. Mai 2012 um 09:47 Uhr

Das 1918 entstandene „Großrumänien“ hatte nicht die besten Voraussetzungen. 25 Prozent der Bevölkerung bestanden aus Minderheiten, darunter Deutschen, Ungarn, Ukrainern oder Bulgaren. Dass dieses Reich nur von kurzer Dauer sein konnte, bewies der Hitler-Stalin-Pakt 1940. Trotz der deutschfreundlichen Regierung unter General Ion Antonescu verteilte Hitler rumänisches Territorium an die Sowjetunion und Ungarn. Antonescu führte ein Jahr später das Land in den Krieg gegen die Sowjetunion, er war von Hitlers schnellem Sieg in Frankreich überzeugt. 1947 verwandelte die Sowjetunion das Land in einen Satellitenstaat. Rumänische Intellektuelle flüchteten ins Pariser Exil, darunter Cioran selbst sowie seine Freunde, der Religionsphilosoph Mircea Eliade und der Autor und Maler Eugen Ionescu.

Aversionen gegen Nietzsche

Ciorans späteres Bekenntnis zu Frankreich, dessen „Kultur des Stils“ er 1933 in seinem Essay „Deutschland und Frankreich oder die Illusionen des Friedens“ als Gegenspieler des deutschen, organischen Denkens und dessen „Mystik” und „Tragik“ verdammte, markiert ab 1945 auch den grundlegenden Wandel in der ontologisch fundierten Philosophie des Rumänen. Während er anfangs in Paris ? unter dem Vorwand einer Doktorarbeit ? die Vorzüge seines Stipendiums auskostete, entwickelte Cioran schließlich grundlegendes Interesse an der französischen Sprache. In diese Zeit fällt auch seine Auflehnung gegen den eigenen Vitalismus der rumänischen Jahre. „Wir haben mit Nietzsche an den ewigen Bestand der Rauschzustände geglaubt; dank der Reife unseres Zynismus sind wir weiter gegangen als er. Die Vorstellung vom Übermenschen erschien uns nur noch als ein Hirngespinst (…)“, heißt es in den 1952 erschienenenSyllogismen der Bitterkeit. Trotzdem wäre es falsch, Cioran lediglich als radikalsten aller Nihilisten zu begreifen. Vielmehr suchte er immer wieder nach den „blinden Flecken“ im Denken Nietzsches: Dazu gehört auch die Gefahr einer absoluten Verherrlichung des ungeschminkten, realen Lebens, wie sie der spätere Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse 1886 praktizierte. Ebenso passt es zum widersprüchlichen Denkens Ciorans, dass er die Charakterisierung als „Nihilisten“ klar ablehnte. Die Künstlerin Lea Vergine erinnerte sich an ihn als eines der „heitersten Wesen, das man sich in Gesellschaft vorstellen kann.“

Ein Aphorismus aus der Werkauswahl Cahiers 1957 ? 1972 trifft wohl am ehesten den philosophischen Wandel Ciorans nach 1945: „Jeder uralte Mensch, der sein Leben zusammenfaßt, kann sich ebenso sagen: ‘Ich bin zufrieden damit, existiert zu haben’, wie auch: ‘Es wäre besser gewesen, nicht geboren zu sein’. Beide Reaktionen sind gleichermaßen legitim und gleichermaßen tiefgründig (Hervorhebung im Original, J. S.).“ Skeptische Gleich-Gültigkeit statt nihilistischer „Umwertung aller Werte“: Darin mündet Ciorans antiutopische Kehrtwende.

Der Widerspruch Leben bleibt unauflösbar

Im Vitalismus, resümiert Bollon, erkannte Cioran die Gefahr „einer Entfesselung der zerstörerischsten Kräfte gegen die Verfechter jeder ‚Sklavenmoral?, das heißt der Monotheismen und insbesondere des Judaismus.“ So erscheint es nur folgerichtig, dass er sich ebenso gegen die totalitäre Versuchung wie gegen jeden Glauben, insbesondere an einen der Geschichte impliziten Fortschritt, wendet. Heilmittel gegen das Nichts ist für Cioran in erster Linie der schnörkellose, sich stets revidierende aphoristische Stil und das Aushalten des unauflösbaren Widerspruchs Leben. Darin zeigt sich ihm zugleich das zauberhafte, geheimnisvolle Wesen einer trügerischen Existenz. „Es gibt keine andere Welt. Es gibt nicht einmal diese Welt. Was gibt es dann? Das innere Lächeln, das die die offenkundige Inexistenz der einen und der anderen in uns hervorruft“, lautet ein Aphorismus aus Gevierteilt von 1979.

Zugleich erlebt Cioran in der physisch und psychisch drastischsten Form, nämlich der Krankheit, wie machtlos der Mensch gegenüber dem Stigma der Existenz bleibt. Seit seinen Jugendjahren quälte ihn die immer wiederkehrende Schlaflosigkeit und es ist nicht vermessen, darin einen Grundeinfluss auf sein Denken zu sehen. „Der Schlaflose weiß, im Unterschied zum Kritischen, daß er nicht der Herr seiner Prämissen ist“, betont Sloterdjik im Blick auf Ciorans Denken.

Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist“

In diesem absoluten Gefühl der Ohnmacht und der aus Lebensreife gewonnenen Skepsis gegenüber jeder Erlösungsidee liegt der reaktionäre Zug des Cioranschen Denkens. „Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist“, heißt ein anderer Aphorismus aus Gevierteilt. Wir wissen nicht, welches Urteil Cioran angesichts der neuen Erlösungsideologien, der heraufziehenden Biotechnik, der Selbstauslöschung des Abendlandes und den Utopien der sich globalisierenden Welt getroffen hätte. Die Philosophie des 1995 verstorbenen Verneiners verweigerte jeden prophetischen Gestus. Uns aber bleibt die Freiheit des Zweifelns.

Zum ersten Teil des Artikels von Johannes Schüller geht es hier.

Sekundärliteratur:

Bollon, Patrice: Cioran, der Ketzer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Kinzel, Till: Autorenporträt Emil Cioran. In: Sezession Nr. 16 vom Februar 2007. Schnellroda.

Kubitschek, Götz: Eiserne Garde. In: Sezession Nr. 16 vom Februar 2007. Schnellroda.

Mattheus, Bernd: Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. Berlin: Matthes & Seitz 2011.

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