Der Verzicht auf Freiheit: Über Deutschland (1937)

E. M. Cioran
Über Deutschland – AufsĂ€tze aus den Jahren 1931–1937
Aus dem RumÀnischen und mit einem Nachwort von Ferdinand Leopold
Suhrkamp, Berlin 2011

Von E. M. Cioran (www.faust-kultur.de)

Von jeher haben die Menschen nach Freiheit gestrebt und sich gefreut, sooft sie sie verloren. Mehr noch. Sie haben verzweifelte Anstrengungen unternommen, sie zu verlieren. Anders lassen sich das rasende Bestreben, liberale Herrschaftsformen aufzulösen, und das leidenschaftliche SchwĂ€rmen fĂŒr die Diktatur nicht erklĂ€ren. Der FreiheitsĂŒberdruß ist eine der schwerstwiegenden und verstörendsten Erregungen, die der Mensch erfahren kann, weil dieser, da ihm die Achse im Innern seines Wesens fehlt, sich durch das, was er nicht ist, zu retten versucht. Sogar in den Schreckensherrschaften ist sich der Mensch seiner selbst sicherer als in den Phantasien der Demokratie. Denkfaulheit und die Angst, sich in der Welt monadisch abzukapseln, lassen ihn mit Freude und behaglicher Ergebung die Imperative und die Befehlsgewalt der Diktatoren hinnehmen. Eine Epoche unumschrĂ€nkter Freiheiten, »aufrichtiger« und Ă€ußerster Demokratie, die sich unbestimmt verlĂ€ngerte, wĂ€re der unvermeidliche Zusammenbruch der Menschheit. Die Sterblichen haben nur die mit Leidenschaft geliebt, von denen sie geknebelt wurden. Und wen haben sie zum Mythos gemacht? Die Henker ihrer Freiheit.

Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die fĂŒr Hitler grĂ¶ĂŸere Bewunderung hegen als ich. Und ich will ihm nichts von seinem monumentalen Nimbus nehmen, wenn ich an die ironische Beobachtung erinnere, die ich machte, sooft ich ihn von der Menge umjubelt sah. Dann schien mir, daß alle diese Sterblichen die Hand zu ihm erhoben, um ein Joch zu erbitten, unter das sie alle passen könnten, und nach einer Strafe lechzten, die nicht auf sich warten lassen dĂŒrfte. Ein Diktator hat die Seele eines messianischen Henkers, von Blut und Himmel befleckt.

Die Menge will, daß ihr befohlen werde. Die erhabensten Visionen und Ekstasen, mitgeteilt durch Engelsflöten, können sie nicht so in Bewegung setzen wie ein MilitĂ€rmarsch. Adam ist Feldwebel gewesen. Wie konnten wir alle nicht verstehen, daß es kein grĂ¶ĂŸeres UnglĂŒck fĂŒr die Menschen gibt, als wenn sie genötigt werden, zwischen Gut und Böse zu wĂ€hlen? Wenn alle Probleme beseitigt wĂŒrden, dann könnten sie die Freiheit bis zuletzt hinnehmen, doch solange sie die Qual des Denkens und des Unlösbaren drĂŒckt, gehen sie in der unendlichen Sahara der Freiheit unter.

Nach der Diktatur sehnen sich insbesondere zwei gegensĂ€tzliche Arten von Menschen. Einerseits der ewige und unverantwortliche Pöbel und andererseits vereinzelte Geister, die sich aus einem Übermaß an Verfeinerung und Problematisierung fĂŒr keinen Wert mehr entscheiden können und sich dem Strom von Ansichten ĂŒberlassen, den diktatorische Energie und diktatorischer Imperialismus erzeugen.

Jeder, der das Bauerntum unseres Landes mit seiner einfachen und unentwickelten Psychologie ein wenig kennt, muß mehr denn ĂŒberzeugt davon sein, daß es nichts anderes erwartet, als von der Freiheit, von allen ihren Fiktionen und Illusionen entgiftet zu werden. Ein wahrer Schrei nach Diktatur und ein unbezwinglicher Haß auf eine sinnlose Freiheit. FĂŒr diejenigen Gesellschaftsschichten, die nicht unmittelbar an der Geschichte teilhaben, gibt es keine grĂ¶ĂŸere Tragödie als die Demokratie. Im Weltprozeß ist das Bauerntum in ein Werden hineingezogen worden, mit dem es nichts verbindet. Die Demokratie vermochte das Bauerntum nicht zu einer Wirkkraft der Geschichte zu machen, so daß der ewige Pöbel zu einer Verantwortung verpflichtet wurde, zu der er sich nicht wesenhaft berufen fĂŒhlt. Die Bauern möchten, daß alles ĂŒber ihre Köpfe hinweg entschieden werde, und so ist die Diktatur ihr irdisches Paradies. Wenn sie wissen, daß ein Mensch, ein einziger, fĂŒr sie denkt, leidet und sich einsetzt, unter der Bedingung, daß sie auf die Illusion ihrer IndividualitĂ€t verzichten, wird keiner von ihnen zaudern, diese Illusion zu opfern. Die ahistorische Menge hat nur ein einziges Ideal: den Verlust der Freiheit. Andere sollen Verantwortung ĂŒbernehmen; sie will nicht urteilen, und aus Angst vor Anarchie begeistert sie sich fĂŒr die Schreckensherrschaft. Im ĂŒbrigen wĂŒrde sich ohne die Intoleranz der AnfĂŒhrer so eine Gesellschaft in weniger als einem Tag in eine Schar Kannibalen verwandeln und sich bis zum Tagesende durch Selbstzerfleischung zum Verschwinden bringen.

Von allen Werten, zu denen sich die Menschheit bekannt hat, »verschleißt« sich keiner stĂ€rker als die Freiheit. Die Empfindung der UnzutrĂ€glichkeit wird dramatisch. Und so ist bei den Intellektuellen unserer Zeit eine sonderbare Unterwerfungswut, eine Notwendigkeit der Verblendung, eine Wollust des Niederkniens entstanden. Niemand will mehr frei sein. Darin muß der Ursprung der Leidenschaft fĂŒr die Rechte oder die Linke gesucht werden.

Die Rhythmik der Weltgeschichte ist nichts als das Schwanken zwischen Freiheit und Terror. Jede Epoche erfĂ€hrt kraft der schicksalhaften Einseitigkeit des eigenen Prinzips eine innere Verneinung. Die Freiheit hat die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht und erfĂ€hrt in ihrem Exzeß ihre Verneinung. Wer den Fluch der Freiheit nicht versteht, kann sich in den zeitgenössischen Diktaturen nicht zurechtfinden. Die Rechte und die Linke werden auf den TrĂŒmmern der Freiheit errichtet.

Auf diesen TrĂŒmmern werden auch die Mythen errichtet.

Der Individualismus fĂŒhrt zu Atomisierung. Aber in der Atomisierung kann nichts Wirksames mehr geschaffen werden. Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung. Und da alle Ideale eine NichtigkeitsĂ€quivalenz haben, warum sollte der Wille eines einzigen Ideals eine einzige Ordnung der Geltungen durchsetzen! Bedeutet es denn, daß nur diesewahr sind? Nein, sondern nur: fruchtbar. Ein Politiker auf der Suche nach derWahrheit ist eine Ungeheuerlichkeit. Vielmehr findet der Politiker stets einigefruchtbare Fiktionen, die er mit NaivitĂ€t oder Schlauheit als Wahrheiten durchsetzt. Glaubt denn jemand ernstlich, der Hitlerismus sei »wahr«? Theoretisch lĂ€ĂŸt er sich lĂ€cherlich machen. Praktisch haben seine Formeln ihre Wirksamkeit und ihren Wert bewiesen. Übrigens sind Historismus und Fiktionalismus korrelativ. Die Wahrheit ist ĂŒbergeschichtlichen Wesens, und das Werden ist nichts als eine Wiege der TĂ€uschungen.

Je mehr SchwĂ€che jemand fĂŒr die Ewigkeit hat, desto weniger ist er Politiker. Es gibt aber manche, bei denen ein exzessives Verstehen des Transhistorischen sich mit einem besonderen politischen Instinkt verbindet. Sie sind zeitlebens dazu verurteilt, zwischen Eitelkeiten und Transzendenz zu schwanken, zwischen regelmĂ€ĂŸig wiederkehrenden AnfĂ€llen von VerklĂ€rung und TrivialitĂ€t. Das Leben ist im ĂŒbrigen nur fĂŒr Menschen aus einem Guß, eingefleischte Dummköpfe und Anbeter der ewigen Dummheit gemacht. Einem in himmelblauen Trauerflor eingehĂŒllten Herzen ist das Schauspiel der Welt durch ontologischen Überdruß, eine feinstoffliche Klosterlangeweile oder eine elementare Bordellangeweile entstellt. Alle Klarsichtigkeit ist verbrecherisch. Deshalb: Die Diktatur komme!

Der große Vorteil der Diktatur ist, daß man individuell nichts riskiert; es ist kollektiver Aufstieg oder Absturz. Und es ist ĂŒberaus aufschlußreich, daß jene Menschen sich zur Diktatur bekennen, die ihr persönliches Schicksal anwidert. Sie wollen kein Schicksal mehr haben. Kein Einzelschicksal.

Hitler und Mussolini werden von all jenen Menschen angebetet, die ihr Selbst mit Freuden aufgegeben haben. Wenn man es nicht mehr fĂŒr bedeutsam hĂ€lt, die Illusion der Individuation zum Mittelpunkt seiner selbst zu machen, hebt man sich durch den Kult des Mythos geistig auf, und somit ist die Diktatur ein politischer Triumph und eine geistige Niederlage.

Um die Diktatur zu verstehen, muß man Zynismus und Enthusiasmus richtig zusammenzusetzen wissen. Sonst wird das ganze Leben zu einer Reihe von Überraschungsvariationen auf der Tonleiter des Schwachsinns. Machiavelli, die französischen Moralisten und in unseren Tagen Spengler sind die einzige Schule, in der man lernen kann, sich nicht lĂ€cherlich zu machen. Wenn sich viele Menschen einem beliebigen Glauben verweigern, tun sie dies aus Furcht vor dem LĂ€cherlichen, diesem Laster der Intelligenz. Die Diktatur löst diese Probleme und Unruhen dadurch auf, daß sie sich nicht mehr dafĂŒr interessiert, daß sie die BeschĂ€ftigung damit nicht mehr erlaubt. BrutalitĂ€t ist die einzige Lösung fĂŒr die Desillusionierung der Intelligenz. DieW elt von heute sieht sich vor die Wahl gestellt zwischen Paradoxon und MilitĂ€rmarsch, zwischen dem Mißbrauch der Intelligenz und einer Vorahnung von StĂ€rke. Und sie hat ihre Wahl getroffen. Nur RumĂ€nien verharrt an der Schwelle der letzten Entscheidung.

Auszug aus: E.M. Cioran, Über Deutschland, AufsĂ€tze aus den Jahren 1931-1937, Berlin 2011 © Suhrkamp Verlag

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