Eine Erinnerung an E. M. Cioran

Von Otto A. Böhmer

100. GEBURTSTAG AM 8. APRIL 2011 (www.Faust-Kultur.de)

Wenn ihm danach ist, gibt es der Herr den Seinen im Schlaf, was manchmal noch anhĂ€lt, wenn der Schlaf sich rar macht und zur Schlaflosigkeit wird. Dies hat der Schriftsteller und Essayist Emile Michel Cioran unter Beweis gestellt, der einst unter massiven Schlafstörungen litt und zu der Einsicht gelangte, daß es mit Gott und der Welt nicht weit her sein kann. Cioran, der vor 100 Jahren im rumĂ€nischen Hermannstadt geboren wurde und am 20. Juni 1995 in Paris starb, verfiel auf seinen Grundgedanken als junger Mann von gerade mal einundzwanzig Jahren: „Ich habe damals Philosophie studiert. Philosophie ist sehr gefĂ€hrlich fĂŒr junge Leute, man ist unglaublich von sich selbst eingenommen. Dann geschah etwas in meinem Leben, ein Zusammenbruch. Ich habe den Schlaf verloren. Alle meine NĂ€chte wurden schlaflose NĂ€chte 
 Und dann habe ich mir gesagt: Du mußt ein Buch schreiben! So entstand mein erstes Buch ‚Auf den Höhen der Verzweiflung’. Ich hatte mehrere Titel im Kopf, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Ich ging ins CafĂ© und fragte einen Kellner: Welchen von diesen drei oder vier Titeln wĂŒrden Sie wĂ€hlen? So war es bei meinem ersten Buch und beim nĂ€chsten auch.“

Ciorans Erstlingswerk, der Geniestreich eines ĂŒbermĂŒdeten jungen Mannes, der seine NĂ€chte als Stadtstreicher wider Willen zubrachte, ist ein Buch von irritierender Haltlosigkeit, eine GedĂ€chtnisschrift fĂŒr das hintergrĂŒndige Leid der Welt, zu dem sich ein Chronist herablĂ€ĂŸt, der nicht mehr an den Symptomen herumkurieren möchte, sondern den literarisch gelĂ€uterten Untergang will. Ciorans Reisebericht aus der Höhenwelt der Verzweiflung fĂ€llt so leidenschaftlich aus wie die Kondolenzbekundung des Bestattungsunternehmers im Haus des Toten: „Alle ĂŒberspannte Beflissenheit, um im Diesseits zu glĂ€nzen, aller teuflischer Zauber, um mir einen kĂŒnftigen Nimbus zu erwerben, und der ganze Elan, den ich auf eine organische Wiedergeburt oder innerliche Morgenröte verschwendete, haben sich als schwĂ€cher erwiesen als die BestialitĂ€t dieser Welt, welche alle ihre VorrĂ€te an Verderbnis und Gift in mich ausgegossen hat. Das Leben hĂ€lt hohen Temperaturen nicht stand.“

In Ciorans Erstlingswerk gleichen die ausgegebene Durchhalteparolen einem Bekenntnis zur elitĂ€ren Nachbesserung der wahnwitzigen, vielleicht auch nur versehentlich ausgetragenen Schöpfung. Die einmal geschaute Wahrheit ist schrecklich, aber nicht schrecklich genug, um nicht noch zusĂ€tzlich Zunder vertragen zu können, eine Flammenkur, der zumindest die herrschende MittelmĂ€ĂŸigkeit und ihr massenhaft ĂŒber den Erdball verbreitetes Bedienungspersonal zum Opfer fallen mĂŒĂŸte. „Wenn ich nur könnte, wĂŒrde ich die gesamte Schöpfung in Agonie versetzen, um des Lebens Wurzeln von Grund auf zu lĂ€utern, sie mit weißglĂŒhenden und einschmeichelnden Flammen zu entzĂŒnden, jedoch nicht um sie zu zerstören, sondern um sie mit frischem Saft und unverbrauchter Glut zu beleben. Der Weltbrand, den ich entfachen wollte, wĂŒrde nicht TrĂŒmmer, sondern kosmische VerklĂ€rung abwerfen.“

Die Beschwörung des kosmischen Weltbrandes als irdische Leidensfeier fĂŒr nichtsahnende GĂ€ste – ein solches Szenario, vorgetragen von einem gerade mal zweiundzwanzigjĂ€hrigen Autor, durfte nicht nur als erstaunlich gelten, sondern schien auch dazu geeignet, Hohn und Spott hervorzurufen. Cioran konnte damit umgehen; er begegnete seinen Kritikern mit ruhigem, in der Sache jedoch unnachgiebigem Humor, der die eigene Person nicht schonte: „Dieses erste Buch war von einer provokativen Aufrichtigkeit. Meine Mutter war besonders beĂ€ngstigt: Was wird aus Dir werden? Ich werde einen Arzt rufen. Der Arzt kam, er stellte mir Fragen, und danach hat er meiner Mutter gesagt: Ihr Sohn ist höchstwahrscheinlich Syphilitiker. Damals stand die Syphilis im Ruf einer Prestigekrankheit; wenn man die kleinste Extravaganz zeigte, hieß es gleich: er hat Syphilis. Ich habe damals ein Buch gelesen, dessen Verfasser ein Jugoslawe war, es hieß ‚Das Genie und die Syphilis’. Er 
 zitierte viele Namen von hochbegabten und angesteckten Geistern. Ich war sehr beeindruckt. Ich wollte Syphilitiker sein. Meine Mutter hat mich gezwungen, eine Blutuntersuchung machen zu lassen. Ich suchte einen Spezialisten auf. Meine Einstellung war zwiespĂ€ltig, einerseits wĂŒnschte ich mir diese unverhoffte Chance, andererseits auch wieder nicht. Als ich bald darauf zu dem Arzt zurĂŒckkam, sagte er triumphierend: Ihr Blut ist rein. Sind Sie nicht froh darĂŒber? – Eigentlich nicht, war meine Antwort.“ Ciorans Denken, angetrieben durch eine wachtraumhafte Abfolge nĂ€chtlicher Inspirationen, verblieb nicht im Bannkreis jener Höhen, die von den „Gipfeln der Verzweiflung“ markiert wurden. In der Folgezeit sah es sich zur Versachlichung angehalten, die mit einer VerĂ€nderung der realen LebensumstĂ€nde des Autors zu tun hatte: Nachdem Cioran, in einer kurzen, aber unrĂŒhmlichen Episode, die er nie verschwieg, den Faschismus lobte und zwei Jahre in Berlin lebte, ging er 1937 nach Paris, wo er sich dem Wagnis unterzog, eine Existenz als freier Schriftsteller zu fĂŒhren und, was einer zusĂ€tzlichen Herausforderung gleichkam, in französischer Sprache zu schreiben. Als Philosoph sah sich Cioran nicht, eher als „mißglĂŒckten Buddhisten“, wie er einmal zu Protokoll gab. An der Philosophie störte ihn ihr ausgeprĂ€gter Ordnungssinn, ein fast beamtenhaftes BemĂŒhen, das Chaos der erkennbaren Welt in Regelwerke zu kleiden, die nicht haltbarer sein konnten als die vom Zerfall bedrohten Körper ihrer Urheber. Cioran schrieb, um zu ĂŒberleben, was grotesk anmuten durfte bei einem Schriftsteller, der mit dem Selbstmord auf vertrautem Fuße zu stehen schien – eine Vermutung allerdings, die Cioran nicht zu teilen vermochte:

„Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muß man schreiben. Man hat mich oft als “Apologeten des Selbstmords” gebrandmarkt. Ich bin es eigentlich nicht. Ich muß mich hier selbst zitieren: Ohne die Idee des Selbstmordes hĂ€tte ich mich seit langem getötet. Damit wollte ich sagen: diese Idee ist eine unglaubliche Hilfe. Das Leben wird dadurch ertrĂ€glich, weil man sich sagt, ich kann mich töten, wenn ich will. Mit so einer Hoffnung kann man fast alles aushalten.“

Weitere Werke erschienen, sie hatten mutmachende Titel wie Lehre vom Zerfall, Die verfehlte Schöpfung, Gevierteilt oder Vom Nachteil, geboren zu sein. Mit zunehmendem Alter indes legte sich Cioran eine Gelassenheit zu, die man auch als GleichgĂŒltigkeit auslegen durfte, zumal alles darauf hinzuweisen schien, daß VerĂ€nderungen nur als Illusionen Bestand haben konnten. Mochten in der Theorie noch große Visionen möglich sein, so erwies sich die Praxis als BetĂ€tigungsfeld fĂŒr fanatisierte MenschheitsbeglĂŒcker, deren jeweiliges Scheitern mit dem Aufstieg neuer Ideologen verbunden war. Ein Fortschritt in der Geschichte fand nicht statt. Cioran registrierte dies als Aphoristiker, der im gut ausgebauten Unterstand der Skepsis eine Art Hausrecht beanspruchen durfte. Statt der Verzweiflung bediente er sich des Zweifels, den er zu einer Erkenntnisinstanz machte, die fĂŒr tragisch-spielerische Einsichten zustĂ€ndig wurde, nicht jedoch fĂŒr moralische Gewißheiten: „Die Geschichte lĂ€ĂŸt sich nicht verteidigen. Ihr gegenĂŒber muß man mit der unbeugsamen Apathie des Zynikers reagieren, wenn man sich nicht in die Allerweltsordnung einreihen und mit den Herden der Aufbegehrenden, der Mörder und der GlĂ€ubigen zusammen marschieren will 
 Wenn ihre Grausamkeit befriedigt ist, werden die Tyrannen leutselig; alles wĂŒrde in seine Ordnung zurĂŒckkehren, wenn die Sklaven, eifersĂŒchtig wie sie sind, nicht ihrerseits Anspruch darauf erhöben, die ihrige zu befriedigen. Das Bestreben des Lammes, ein Wolf zu werden, ist der Anlaß fĂŒr die meisten Ereignisse. Solche, die keine FangzĂ€hne besitzen, trĂ€umen davon, welche zu haben; sie wollen auch einmal diejenigen sein, die die andern verschlingen, und es gelingt ihnen dank der rohen Kraft ihrer Überzahl. – Die Geschichte: diese Dynamik der Geopferten.“

Mit zunehmendem Alter hat sich Cioran immer mehr vom TagesgeschĂ€ft der Verzweiflung zurĂŒckgezogen. Daß sich fĂŒr sein WeltverstĂ€ndnis heute mehr Belange denn je finden lassen, mußte ihn nicht beeindrucken: Die Menschheit geht den Weg, den sie gehen muß, wider besseres Wissen vielleicht, aber auch mit bemerkenswerter Sturheit. Obwohl Untergangsszenarien rege Zustimmung finden, möchte man das gute alte Prinzip Hoffnung noch nicht aufgeben, dem allerdings immer weniger AnlĂ€sse vorgelegt werden, sich bestĂ€tigt zu sehen. Cioran machte keine Anstalten, einem dahinsiechenden Optimismus wieder auf die Beine zu helfen – die Zukunftsvision, die er anzubieten hat, ist dafĂŒr von boshafter Eindringlichkeit: Der Mensch bringt sich selbst um, nicht weil er zu wenig, sonder weil er zu viel weiß: „Immer wieder stellt sich die Frage, wie der Mensch enden wird. Es gibt zwei Möglichkeiten: durch Kriege oder durch inneren Verschleiß. Der Mensch ist ein Abenteurer. Und ein Abenteurer kann nicht gut enden. Ich habe eine Marotte, ich glaube, daß der Mensch enden wird, wenn man auch das letzte Heilmittel gefunden haben wird. Man kann sich vorstellen, daß die Wissenschaft eines Tages alle Krankheiten besiegen kann, und daran wird der Mensch zerbrechen. Man muß die Idee annehmen, daß der Mensch verschwinden muß. Der Mensch war von Anfang an von der Obsession des Wissens beherrscht, er hat also sein UnglĂŒck gewollt. Sein Schicksal ist klar vorausgesagt in der Genesis. Er ist Opfer seiner Wissensbegierde, das ist heute offensichtlich; er war bereits offensichtlich fĂŒr den oder die Verfasser des Ersten Buches der Bibel, so daß diese ursprĂŒnglichen Wahrheiten die wahren Wahrheiten sind.“

Der Untergang, ĂŒber Jahrhunderte hinweg vorbereitet, scheint unabwendbar; die Frage bleibt nur, welche Generation das zweifelhafte VergnĂŒgen haben wird, ihn endlich und endgĂŒltig zu erleben. Eine solche Gewißheit kann mutlos machen, sie kann aber auch zu einer stabilen Gelassenheit fĂŒhren. So verliert letztlich sogar der Tod seinen Schrecken, ĂŒber den sich ohnehin streiten lĂ€ĂŸt. Cioran ließ die gepflegte DĂŒsternis seiner Lebenserwartung in Heiterkeit ausklingen, die als Fortsetzung der Verzweiflung mit anderen Mitteln gelten kann: „Wenn du einen Rat von mir willst, dann nimm diesen: Wenn Du nicht mehr lachen kannst, dann kannst Du Dich töten. Aber solange Du noch lachen kannst, warte, denn das Lachen ist ein Sieg ĂŒber das Leben und ĂŒber den Tod, es ist ein Zeichen dafĂŒr, daß man Herr ĂŒber alles ist. – Mein Vater war Priester. Einmal, nach einem BegrĂ€bnis, hat er uns erzĂ€hlt, daß, nachdem man den Sarg eines jungen MĂ€dchens ins Grab gesenkt hatte, deren Mutter in Lachen ausbrach. Das war Wahnsinn, aber es ist nicht absolut sicher, daß es Wahnsinn war. Wenn ich es auch damals nicht ganz klar begreifen konnte, habe ich doch gespĂŒrt, daß der Tod und erst recht die Beerdigung eine unertrĂ€gliche und provokatorische Tragikomödie darstellen. Die Mutter konnte etwas so Ungeheuerliches und Undenkbares nicht ertragen. Das Leben und der Tod sind ein substanzloses Schauspiel, das das Lachen rechtfertigt. Die Schöpfung ist bloß ein Vorwand des Absoluten. Das Vedanta, das tiefste metaphysische System der Inder, behauptet mit Recht, daß Gott die Welt ‚nur aus Spiel’ geschaffen hat.“

Das Leben also ein Spiel, das in der Regel tödlich endet; wer es gelassen durchsteht, ohne von grĂ¶ĂŸeren SchicksalsschlĂ€gen gebeutelt zu werden, darf wohl schon von GlĂŒck reden. Ein gutes Gelingen ist damit noch nicht angezeigt, zumal das Gute, wie im ĂŒbrigen alles andere auch, bezweifelt werden kann. Cioran, der den Zweifel zur metaphysischen Kunstform erhoben hat, ist seinen AnfĂ€ngen bis zum Ende treu geblieben. Den Erkenntnissen seiner schlaflosen NĂ€chte bewahrte er ein ehrendes Andenken; sie begleiteten ihn, ein Leben lang, und sind auch heute noch, da ihr Urheber leider nicht mehr unter uns weilt, von erfreulich zweifelhaftem Nutzen: „Das Nichts lag in mir selbst, ich brauchte es nicht zu entdecken. Ein VorgefĂŒhl davon hatte ich schon als Kind, durch die Langeweile, diesen SchlĂŒssel zu abgrĂŒndigen Entdeckungen. Auf einmal hatte ich dieses GefĂŒhl der Leerheit, das GefĂŒhl, an jenem Nachmittag, mit fĂŒnf Jahren, daß ich außerhalb der Zeit sei. Das habe ich seit damals immer wieder gespĂŒrt, es ist eine fast tĂ€gliche Erfahrung geworden.“

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