Gottfried Benn fĂŒr Arme

Ein bitteres Adieu zum 100. Geburtstag: E.M. Ciorans brĂŒnstig-inbrĂŒnstige AufsĂ€tze aus den Dreißigerjahren entlarven den Philosophen als braunen SchwĂ€rmer

Von Fritz J. Raddatz — Die Welt 02/04/2011

Empörend, luziferisch, ruchlos und in seiner historischen Analyse hochbrisant: E. M. Ciorans konsequenter Irrweg zum Faschismus. Das Buch macht uns zum Zeugen eines intellektuellen Selbstmords. Es ist dadurch auf verfĂŒhrerische Weise spannend – ein Hitchcock in Worten; denn man liest und liest (wie man des Thriller-Königs Bilder sieht) mit steigendem Gruseln, anfangs atmosphĂ€risch gebannt, das Unheil nur ahnend. Dann begreift man, dass da ein geĂŒbter Schwimmer in krĂ€ftigen StĂ¶ĂŸen auf einen Strudel zustrebt, möchte “Halt ein, Vorsicht, der Sog wird dich hinabziehen” rufen. Doch unerbittlich ist die Konsequenz, die tötet.

Anfangs nĂ€mlich meint man noch die Wollust des Skeptizismus zu spĂŒren, den der Ă€ltere Cioran (ab 1940 in Paris lebend) als Lehre vom Verfall zelebrierte – in mal koketten Aperçus, mal visionĂ€r-dĂŒsteren Prophezeiungen; eine lĂ€chelnde Sphinx des Montparnasse, die Freuden des Sexus und der eleganten Restaurants verachtend, die er genoss. Ein apokalyptischer Taxifahrer. Sein Hohn lustbetont und seine Endzeitvisionen mit Schalk in den Augen psalmodierend. Die irratio war sein Credo. Wie frĂŒh und wie stark – das fĂŒhren diese Texte vor.

Anfangs mag man dem widersprechen, aber es ekelt noch nicht; zumal gar manche apodiktischen SĂ€tze wie eine Eigendefinition klingen: “Ein metaphysischer Masochismus mengt Wollust in das PhĂ€nomen des Zerfalls und findet Freude im kosmischen Chaos.” Sein Misstrauen gegen weltgeschichtliche Lösungsangebote des puren Rationalismus ist ja bedenkenswert. Durchaus finden sich da Warntafeln, die ebenso gut der KĂŒnder eines MĂ€rchen-Marxismus, also Ernst Bloch, aufgestellt hat – der ja das Versagen des Kommunismus vis-Ă -vis dem herannahenden Nationalsozialismus mit eben diesem Manko beschrieb, dem Außerachtlassen der Psyche des Menschen.

Dieses Cioran-Dekret ist Bloch pur: “Der Rationalismus hat keine eigene Kraft, sondern ist reine FormungstĂ€tigkeit; er will dem Menschen ein geschlossenes Weltbild bieten, will Werteordnungen aufstellen und dem Verhalten im Leben eine Richtung geben.” So weit, so – noch – gut. Selbst die Analyse der DĂŒrer-Melancholie als einer ohne jede Heiterkeit, vulgo: deutsch-schwermĂŒtig, will man als Offerte passieren lassen, tradierte Zeichen neu zu lesen; zumal, wenn das Italische als Gegensatz begriffen wird: “Die Unruhe der gotischen Seele hat Versöhnung und Gleichgewicht nie gefunden. (…) Und dann versteht man, warum in Italien die Melancholie durch ein LĂ€cheln gemĂ€ĂŸigt und im Norden durch schmerzhafte Anspannung verschĂ€rft wird. In DĂŒrers Melencolia fehlt jeder Ausdruck von Ironie…”

Doch schon fĂ€llt Cioran sich ins Wort, rĂŒgt etwa das “anarchisch gewordene Bewusstsein Kokoschkas”, der “den seelischen Halt des Menschen zerstört (…), um sich in einen absurden Elan zu stĂŒrzen, in dem das Chaos Norm und der Wahnsinn Absicht ist. (…) Kokoschkas Kunst ist ein Ausdruck des Seelenzerfalls”. In schnellen StĂ¶ĂŸen geht es auf den Strudel zu. Noch denkt man einen Augenblick, gut gut, das hĂ€tte auch Thomas Mann (in den “Betrachtungen”) schreiben können. Wenn die deutsche Tiefe – “nicht nur Inbrunst, sondern auch Mannigfaltigkeit der Ebenen” – gepriesen wird: da schlagen die Wellen schon hoch, da wird der “unbeherrschbare innere Dynamismus” gefeiert, der “alles, was die Deutschen schufen, atmet”: da wird, wir schreiben November 1933, von “schicksalhafter Entwicklung” und “wesenhaften Lebensformen” gefaselt. Gottfried Benn fĂŒr Arme. TatsĂ€chlich erinnert manch Fanfarenklang an die Benn-Infamien. Nicht nur in kurzen (Um-)Denkbefehlen Ă  la “Die Zeit ist gekommen, da man den Irrationalismus nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Politik ausrufen muss” oder “In dieser Welt dĂŒrfen nur die maßlosen Menschen geliebt werden”, sondern auch in sorgfĂ€ltig ausformulierter Gregorianik: “Es nötigt Bewunderung ab, wenn man sieht, wie ein Regime, um sein Dasein zu rechtfertigen, das Recht verĂ€ndert, die Religion umwandelt, der Kunst eine andere Richtung gibt, eine andere Perspektive der Geschichte konstruiert, drei Viertel der anerkannten Werte brutal beseitigt, rasend verneint und dabei vor Enthusiasmus pulst.”

Wir haben es nicht zu tun mit einem pubertĂ€ren Augenaufschlag. Cioran ist 1933/34 immerhin ĂŒber zwanzig, Sohn eines Priesters, ehemaliger Gymnasiast und Philosophiestudent (mit einem Berlin-Stipendium), hochgebildet, rundum belesen, Kenner der Klassiker wie der Philosophen von Kant bis Nietzsche. Er hat sich wie in Hypnose in einen Denk-Rausch versetzt, der sĂ€mtliche hirnlichen MaßstĂ€be verwirft, um eine Heilserwartung herbeizuphantasmagorieren, die vor Anbetung der SchĂ€ndlichkeit nicht zurĂŒckschreckt. So wenig wie vor einem Weihe-Klingeling obskurer SektenbroschĂŒren, in denen von “Sendung”, “geschichtlichem Gipfel”, “Schicksal” und “schöpferischer Barbarei” gefaselt wird. Gleich einem zu kurz gekommenen Masturbanten schwitzt dieser junge RumĂ€ne: “Wenn mir etwas an den AnhĂ€ngern Hitlers gefĂ€llt, so ist es der Kult des Irrationalen, die Verherrlichung der Lebenskraft als solcher, das mannhafte Ausgreifen der KrĂ€fte, ohne kritischen Geist, ohne Vorbehalte und ohne Beherrschung.”

Ein geistiger Missbrauchsskandal. Hier hat kein Priester einem Knaben an die Hose gefasst, hier hat ein fanatischer Hohepriester allen Denkenden ins Gehirn gespuckt; das eigene Denken hat er am Koppelschloss von Hitlers Hose abgegeben: “Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir grĂ¶ĂŸere Sympathie einflĂ¶ĂŸt als Hitler. (…) Die FĂŒhrer-Mystik in Deutschland ist völlig gerechtfertigt. (…) Das Verdienst Hitlers besteht darin, einer Nation den kritischen Verstand geraubt zu haben.” Das erschien am 4. Juli 1934. Eine Woche spĂ€ter wurde Erich MĂŒhsam im KZ Oranienburg ermordet. Gehörte er fĂŒr Cioran zu “solchen Menschen, denen das Leben zu nehmen, das Blut solcher Bestien zu vergießen, eine Pflicht ist”? “Was hat die Menschheit verloren, wenn einigen Schwachsinnigen das Leben genommen wurde?”, fragt er in einem “Brief aus Berlin” vom 15. Juli 1934 einige Zeilen zuvor und fĂŒgt an: “Der Ekel vor dem Menschen erfĂ€hrt eine dermaßen schreckenerregende Rechtfertigung, dass der Tod einiger Nullen nicht beeindrucken kann”. Damit rechtfertigt er die Ermordung Röhms; und wessen Ermordung noch?

Ach, man mag es eigentlich gar nicht lesen noch kommentieren, diese schreckenerregende Ungeheuerlichkeitssuada, die in immer neuen AnsĂ€tzen eine kniefĂ€llige WillfĂ€hrigkeit anstimmt fĂŒr den Choral “Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die fĂŒr Hitler grĂ¶ĂŸere Bewunderung hegen als ich”. Der VerzĂŒckungswahn gibt sich meist erhaben und heroisch – “Die Menge will, dass ihr befohlen werde” – und hat doch auch etwas Verschwiemeltes; zumal wenn Cioran, der spĂ€ter durch die nĂ€chtlichen Pariser Straßen nach Abenteuern ausspĂ€hend schnĂŒrt, auch noch eine saubere Sexualmoral fordert. Seine an Dix gemahnenden Zeichnungen von Bordell und Syphilis verraten die zitternde Hand einer Betschwester, die allerdings statt himmlischer Erlösung die Sehnsucht nach Diktatur herbeisingt. Widrige Jauchzer. Ciorans Lobpreis der MilitĂ€rmusik als Begleitung von Ekstasen gipfelt in der bizarren conclusio “Adam ist Feldwebel gewesen”.

Damit verglichen, ist der Heldendiarist Ernst JĂŒnger eine Dumpfbacke; der hassheisere CĂ©line ein Herzchen und Ezra Pound ein Poesiealbumdichter. So manche Philosopheme des seine spĂ€tere Wahlheimat Frankreich verhöhnenden Hitler-Mannen lesen sich erhaben – und sind doch nur töricht: “Der Individualismus fĂŒhrt zu Atomisierung. … Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung.”

Cioran hat mit diesen frĂŒhen ErgĂŒssen Goyas Capriccios zerfetzt, von denen eines der eindringlichsten betitelt ist “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer”. Ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte dieses Buch nie gelesen. Eine grĂ€ssliche LektĂŒre. Fragen muss ich mich allerdings: Muss man auch andere BĂŒcher von Cioran ganz neu, ganz anders lesen? Sind vielleicht viele der so gepriesenen Aphorismen, deren Schnippischkeit man bewunderte und deren rasiermesserscharfe Seelenchirurgie man gar köstlich fand – sind auch die nicht ein Nachhall seiner PaukenschlĂ€ge gegen Vernunft, Ratio, Denken? Ich finde Unterstreichungen von mir etwa in dem Band “Geschichte und Utopie”, die diesen Verdacht durchaus nĂ€hren.

Damals nahm ich derlei wohl fĂŒr Oscar-Wilde-Keckheiten, wenn ich las, man betreibe bitte seine Angelegenheiten besser aus Eifersucht und Raubgier als aus Edelmut und Selbstlosigkeit. Heute kann ich das nicht mehr graziös finden und Ciorans Menschenekel, mit dem er “Wir Maniaken der Fortpflanzung” schimpft, mit dem er alle und alles verachtet, scheint mir mehr kokett als profund. HochmĂŒtig dekretiert der Homme-Ă -Femmes: “Die VervielfĂ€ltigung unserer Artgenossen grenzt ans Ekelhafte; die Pflicht sie zu lieben an Verschrobenheit.” Gewiss applaudierte man – “man”? Ich – solch tĂ€nzerischer FrivolitĂ€t auch, weil man sie in den 60er- und 70er-Jahren, also der Zeit von Kommunenmief und barbusiger Distanzlosigkeit, als amĂŒsantes Vexierspiel begriff. “Eine Welt ohne Tyrannen wĂ€re ebenso langweilig wie ein Zoologischer Garten ohne HyĂ€nen” – solche apodiktischen Frechheiten meinte man (wĂ€hrend man etwa den Schah bekĂ€mpfte) als nicht ernst gemeint goutieren zu dĂŒrfen; als geĂ€ußert in dem, was in Frankreich “le deuxiĂšme degrĂ©” heißt – will sagen: geĂ€ußert mit dem Augenzwinkern stiller Übereinkunft, als sei es nicht ernst gemeint. Niemand wusste doch, wie brĂŒnstig-inbrĂŒnstig Cioran tatsĂ€chlich einen Tyrannen lobpreisend besungen hatte.

So wurde auch sein Hauptwerk “Lehre vom Zerfall”, ins Deutsche ĂŒbersetzt immerhin von Paul Celan, als etwas kesse VerlĂ€ngerung von Walter Benjamins Begriff der Geschichte als Katastrophe verstanden; bei Cioran hieß es eben “Die Geschichte hat keinerlei Sinn” oder “Weltgeschichte – Geschichte des Bösen”. Das las eine jĂŒngere Generation keineswegs als Affirmation; vielmehr im Gegenteil: Diese Jugend, ob in San Francisco oder kurz darauf in St. Germain hatte ja den Impuls, das Böse aus der Geschichte zu bannen, einen Fortschritt zu versuchen. WĂ€hrend in dieser viel zitierten, aber wohl weniger verstandenen “Lehre vom Zerfall” Geschichte als “Massenmanufaktur von Idealen” denunziert wurde und die Wirklichkeit als “tödliche Fiktionsgier”, brach in weiten Teilen der Welt, fast wie eine Grippe-Epidemie, der Glaube an VerĂ€nderbarkeit aus. Die Leitersprossen dieser möglichen VerĂ€nderung verlachte unser Mansarden-Genie: “Gestern, heute, morgen – lauter Kategorien fĂŒr Dienstboten.” Was habe ich, lachend, bei gutem Wein, mit Cioran ĂŒber diese seine Hirn-Pirouetten gestritten, ihm einmal angeboten, dann halt mit VergnĂŒgen sein Dienstbote zu sein. Dass er tief in der Gedankenpampe von Blut und Boden und Mythos und Sendung und völkischem Schicksal stak – das hĂ€tte ich niemandem geglaubt; am wenigsten ihm selber.

Das Alter ist erbarmungslos – nicht nur galoppiert das Totenbataillon verstorbener Freunde vorbei: von Hubert Fichte bis Paul Wunderlich, von Thomas Brasch bis Walter Kempowski. Nun heißt es ein zweites Mal Abschied nehmen vom GefĂ€hrten E. M. Cioran; es war wie geistige NĂ€he, kein Paris-Aufenthalt ohne Abende, manchmal NĂ€chte mit ihm, der mir so luzide schien in seiner heiter illuminierten Finsternis, seinen gleißenden Blitzen. Ich wusste damals nicht, dass die SS-Runen geraubt waren. Bitteres Adieu.

Die Sehnsucht nach dem Tyrannen

E. M. Cioran: Über Deutschland. AufsĂ€tze aus den Jahren 1931-1937.Aus dem RumĂ€nischen von Ferdinand Leopold. Suhrkamp, Berlin. 232 S. 17,90 Euro.

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