“Cioran und die Philosophie” (Mădălina Diaconu)

POLYLOG – Zeitschrift für Interkulturelles Philosophieren, no. 35, 2016

Cioran hat sich schon früh von der akademischen Philosophie verabschiedet, was allerdings Philosophen (zum Teil sogar bekannte Philosophen wie Peter Sloterdijk oder Fernando Savater) nicht daran gehindert hat, sich mit ihm auseinanderzusetzen und sogar seine Beziehung zur Philosophie ins Auge zu fassen. Diese Reihe wird nun von Jürgen Große in seinem neuen Buch Erlaubte Zweifel. Cioran und die Philosophie fortgesetzt. Jürgen Große (geb. 1963 in Berlin) hat Geschichte und Philosophie studiert, ist habilitierter Philosoph und seit 2000 freier Autor. Sein jüngstes Buch zeichnet sich innerhalb der Cioran-Exegese durch eine relativ überraschende Struktur aus: Der erste Teil, »Vom Skeptizismus der Alten zur Verzweiflung der Modernen: Lektüren«, behandelt die Rezeption von Denkern und Denkrichtungen durch Cioran. Der zweite Teil, »Der Gelegenheitsdenker: Begriffe und Befindlichkeiten«, nimmt Grundbegriffe und Leitmotive von Ciorans Denken in Betracht. Der dritte Teil, »Von den Gipfeln der Verzweiflung zur Skepsis auf dem Podest: Schriften«, fasst auf nur fünfzig dichten Seiten die rumänischen und französischen Werke Ciorans in chronologischer Reihenfolge zusammen. Die Monographie schließt mit einem kurzen »Porträt Ciorans während verschiedener Lebensalter, nach Mitteilungen von ihm selbst und anderen«.

Im Vergleich zu anderen Cioran-Exegesen verspricht Großes Buch bereits im Titel, Ciorans Denken auf verschiedene Philosophieschulen und auf Philosophen im weiten Sinne des Wortes, z. B. auch auf die französischen Moralisten oder die Psychoanalyse, zu beziehen. Dieses Versprechen wird tatsächlich vor allem im ersten Teil, in den »Lektüren«, eingelöst. Trotzdem ist nur schwer nachvollzuziehen, warum einige der 37 Kapitel des ersten Teils nicht nach Autoren oder Schulen betitelt wurden, sondern thematisch angelegt sind, wie etwa »Fortschrittsskepsis«, »Geschichtsskepsis«, »Negativität« oder »Verzweiflung«. Im Allgemeinen enthält jedes dieser Kapitel eine Einführung in das jeweilige Denken bzw. in die jeweilige Denkschule, gefolgt von (bzw. verflochten mit) der Analyse ihrer Rezeption bei Cioran, allerdings in der Regel ohne dass der Autor Stellung zu Ciorans »Lektüren« nähme. Jürgen Große gehört somit zu den Kommentatoren Ciorans, die sich von seinem Denken verführen lassen und deren Hermeneutik sich nicht kritisch von Cioran befreit. Nichtsdestotrotz bleibt Großes umfangreiche Themenwahl den ebenso umfangreichen Lektüren des leidenschaftlichen Lesers Cioran verpflichtet. Zuweilen beschränkt sich Große auf die Hervorhebung von Ähnlichkeiten, wie etwa im Kierkegaard-Kapitel, in dem die expliziten Bezugnahmen Ciorans auf Kierkegaard fehlen. Im Übrigen wird der Vergleich mit Kierkegaard im Kapitel »Verzweiflung« wieder aufgenommen, was eher im zweiten Teil zu erwarten gewesen wäre. Diese methodische Ungenauigkeit, ja Inkonsequenz, wiederholt sich dann auch bei den Quellenangaben. Um hier ein einziges Beispiel anzuführen: In Anbetracht fehlender Quellenangaben muss der Leser dem Autor einfach Vertrauen schenken, dass Heideggers Sein und Zeit »den jungen Rumänen auf eine typisch ambivalente Weise« begeisterte, und zwar bereits vor seinem Studienaufenthalt in Deutschland (104), oder dass Cioran Klages’ Vom kosmogonischen Eros gelesen hatte, bevor er dessen Vorlesungen in Berlin hören konnte.

Der zweite Teil des Buchs, zu den »Begriffen und Befindlichkeiten«, ist genauso kleinteilig gegliedert wie der erste. Während sich Ciorans Exegeten in der Regel darum bemühten, den nicht systematischen Charakter von Ciorans Denken durch die Behandlung seiner Leitmotive in Form von konventionellen Buchkapiteln zu überspielen, befasst sich Große in 32 kurzen Abschnitten mit Grundbegriffen und Denkmotiven Ciorans, von der »Antiphilosophie« und bis hin zum »Selbstmord«, und zwar in einer Reihenfolge, deren ordnendes Prinzip sich allerdings nicht erschließt. Manche Kapitel sind nichtsdestoweniger stärker strukturiert, wie etwa die »Antiphilosophie«, wo Ciorans Auseinandersetzung mit der akademischen Philosophie anhand folgender Fragen verfolgt wird: Wer ist ein Philosoph, wie wird man ein Philosoph, was tut ein Philosoph, was machen Philosophen falsch und schließlich wie löst man sich von der Philosophie? (143–149) Im Allgemeinen bieten diese thematischen Untersuchungen zum sog. »Siebenbürger Lyriker« (129), wie die Kommentare zu seinen »Lektüren« im ersten Teil, einen Überblick über die bedeutenden Wegmarken für jeden Leser Ciorans, vom Studierenden bis zum Spezialisten… [PDF]