Eine Erinnerung an E. M. Cioran

Von Otto A. Böhmer

100. GEBURTSTAG AM 8. APRIL 2011 (www.Faust-Kultur.de)

Wenn ihm danach ist, gibt es der Herr den Seinen im Schlaf, was manchmal noch anhĂ€lt, wenn der Schlaf sich rar macht und zur Schlaflosigkeit wird. Dies hat der Schriftsteller und Essayist Emile Michel Cioran unter Beweis gestellt, der einst unter massiven Schlafstörungen litt und zu der Einsicht gelangte, daß es mit Gott und der Welt nicht weit her sein kann. Cioran, der vor 100 Jahren im rumĂ€nischen Hermannstadt geboren wurde und am 20. Juni 1995 in Paris starb, verfiel auf seinen Grundgedanken als junger Mann von gerade mal einundzwanzig Jahren: „Ich habe damals Philosophie studiert. Philosophie ist sehr gefĂ€hrlich fĂŒr junge Leute, man ist unglaublich von sich selbst eingenommen. Dann geschah etwas in meinem Leben, ein Zusammenbruch. Ich habe den Schlaf verloren. Alle meine NĂ€chte wurden schlaflose NĂ€chte 
 Und dann habe ich mir gesagt: Du mußt ein Buch schreiben! So entstand mein erstes Buch ‚Auf den Höhen der Verzweiflung’. Ich hatte mehrere Titel im Kopf, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Ich ging ins CafĂ© und fragte einen Kellner: Welchen von diesen drei oder vier Titeln wĂŒrden Sie wĂ€hlen? So war es bei meinem ersten Buch und beim nĂ€chsten auch.“

Ciorans Erstlingswerk, der Geniestreich eines ĂŒbermĂŒdeten jungen Mannes, der seine NĂ€chte als Stadtstreicher wider Willen zubrachte, ist ein Buch von irritierender Haltlosigkeit, eine GedĂ€chtnisschrift fĂŒr das hintergrĂŒndige Leid der Welt, zu dem sich ein Chronist herablĂ€ĂŸt, der nicht mehr an den Symptomen herumkurieren möchte, sondern den literarisch gelĂ€uterten Untergang will. Ciorans Reisebericht aus der Höhenwelt der Verzweiflung fĂ€llt so leidenschaftlich aus wie die Kondolenzbekundung des Bestattungsunternehmers im Haus des Toten: „Alle ĂŒberspannte Beflissenheit, um im Diesseits zu glĂ€nzen, aller teuflischer Zauber, um mir einen kĂŒnftigen Nimbus zu erwerben, und der ganze Elan, den ich auf eine organische Wiedergeburt oder innerliche Morgenröte verschwendete, haben sich als schwĂ€cher erwiesen als die BestialitĂ€t dieser Welt, welche alle ihre VorrĂ€te an Verderbnis und Gift in mich ausgegossen hat. Das Leben hĂ€lt hohen Temperaturen nicht stand.“

In Ciorans Erstlingswerk gleichen die ausgegebene Durchhalteparolen einem Bekenntnis zur elitĂ€ren Nachbesserung der wahnwitzigen, vielleicht auch nur versehentlich ausgetragenen Schöpfung. Die einmal geschaute Wahrheit ist schrecklich, aber nicht schrecklich genug, um nicht noch zusĂ€tzlich Zunder vertragen zu können, eine Flammenkur, der zumindest die herrschende MittelmĂ€ĂŸigkeit und ihr massenhaft ĂŒber den Erdball verbreitetes Bedienungspersonal zum Opfer fallen mĂŒĂŸte. „Wenn ich nur könnte, wĂŒrde ich die gesamte Schöpfung in Agonie versetzen, um des Lebens Wurzeln von Grund auf zu lĂ€utern, sie mit weißglĂŒhenden und einschmeichelnden Flammen zu entzĂŒnden, jedoch nicht um sie zu zerstören, sondern um sie mit frischem Saft und unverbrauchter Glut zu beleben. Der Weltbrand, den ich entfachen wollte, wĂŒrde nicht TrĂŒmmer, sondern kosmische VerklĂ€rung abwerfen.“

Die Beschwörung des kosmischen Weltbrandes als irdische Leidensfeier fĂŒr nichtsahnende GĂ€ste – ein solches Szenario, vorgetragen von einem gerade mal zweiundzwanzigjĂ€hrigen Autor, durfte nicht nur als erstaunlich gelten, sondern schien auch dazu geeignet, Hohn und Spott hervorzurufen. Cioran konnte damit umgehen; er begegnete seinen Kritikern mit ruhigem, in der Sache jedoch unnachgiebigem Humor, der die eigene Person nicht schonte: „Dieses erste Buch war von einer provokativen Aufrichtigkeit. Meine Mutter war besonders beĂ€ngstigt: Was wird aus Dir werden? Ich werde einen Arzt rufen. Der Arzt kam, er stellte mir Fragen, und danach hat er meiner Mutter gesagt: Ihr Sohn ist höchstwahrscheinlich Syphilitiker. Damals stand die Syphilis im Ruf einer Prestigekrankheit; wenn man die kleinste Extravaganz zeigte, hieß es gleich: er hat Syphilis. Ich habe damals ein Buch gelesen, dessen Verfasser ein Jugoslawe war, es hieß ‚Das Genie und die Syphilis’. Er 
 zitierte viele Namen von hochbegabten und angesteckten Geistern. Ich war sehr beeindruckt. Ich wollte Syphilitiker sein. Meine Mutter hat mich gezwungen, eine Blutuntersuchung machen zu lassen. Ich suchte einen Spezialisten auf. Meine Einstellung war zwiespĂ€ltig, einerseits wĂŒnschte ich mir diese unverhoffte Chance, andererseits auch wieder nicht. Als ich bald darauf zu dem Arzt zurĂŒckkam, sagte er triumphierend: Ihr Blut ist rein. Sind Sie nicht froh darĂŒber? – Eigentlich nicht, war meine Antwort.“ Ciorans Denken, angetrieben durch eine wachtraumhafte Abfolge nĂ€chtlicher Inspirationen, verblieb nicht im Bannkreis jener Höhen, die von den „Gipfeln der Verzweiflung“ markiert wurden. In der Folgezeit sah es sich zur Versachlichung angehalten, die mit einer VerĂ€nderung der realen LebensumstĂ€nde des Autors zu tun hatte: Nachdem Cioran, in einer kurzen, aber unrĂŒhmlichen Episode, die er nie verschwieg, den Faschismus lobte und zwei Jahre in Berlin lebte, ging er 1937 nach Paris, wo er sich dem Wagnis unterzog, eine Existenz als freier Schriftsteller zu fĂŒhren und, was einer zusĂ€tzlichen Herausforderung gleichkam, in französischer Sprache zu schreiben. Als Philosoph sah sich Cioran nicht, eher als „mißglĂŒckten Buddhisten“, wie er einmal zu Protokoll gab. An der Philosophie störte ihn ihr ausgeprĂ€gter Ordnungssinn, ein fast beamtenhaftes BemĂŒhen, das Chaos der erkennbaren Welt in Regelwerke zu kleiden, die nicht haltbarer sein konnten als die vom Zerfall bedrohten Körper ihrer Urheber. Cioran schrieb, um zu ĂŒberleben, was grotesk anmuten durfte bei einem Schriftsteller, der mit dem Selbstmord auf vertrautem Fuße zu stehen schien – eine Vermutung allerdings, die Cioran nicht zu teilen vermochte:

„Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muß man schreiben. Man hat mich oft als “Apologeten des Selbstmords” gebrandmarkt. Ich bin es eigentlich nicht. Ich muß mich hier selbst zitieren: Ohne die Idee des Selbstmordes hĂ€tte ich mich seit langem getötet. Damit wollte ich sagen: diese Idee ist eine unglaubliche Hilfe. Das Leben wird dadurch ertrĂ€glich, weil man sich sagt, ich kann mich töten, wenn ich will. Mit so einer Hoffnung kann man fast alles aushalten.“

Weitere Werke erschienen, sie hatten mutmachende Titel wie Lehre vom Zerfall, Die verfehlte Schöpfung, Gevierteilt oder Vom Nachteil, geboren zu sein. Mit zunehmendem Alter indes legte sich Cioran eine Gelassenheit zu, die man auch als GleichgĂŒltigkeit auslegen durfte, zumal alles darauf hinzuweisen schien, daß VerĂ€nderungen nur als Illusionen Bestand haben konnten. Mochten in der Theorie noch große Visionen möglich sein, so erwies sich die Praxis als BetĂ€tigungsfeld fĂŒr fanatisierte MenschheitsbeglĂŒcker, deren jeweiliges Scheitern mit dem Aufstieg neuer Ideologen verbunden war. Ein Fortschritt in der Geschichte fand nicht statt. Cioran registrierte dies als Aphoristiker, der im gut ausgebauten Unterstand der Skepsis eine Art Hausrecht beanspruchen durfte. Statt der Verzweiflung bediente er sich des Zweifels, den er zu einer Erkenntnisinstanz machte, die fĂŒr tragisch-spielerische Einsichten zustĂ€ndig wurde, nicht jedoch fĂŒr moralische Gewißheiten: „Die Geschichte lĂ€ĂŸt sich nicht verteidigen. Ihr gegenĂŒber muß man mit der unbeugsamen Apathie des Zynikers reagieren, wenn man sich nicht in die Allerweltsordnung einreihen und mit den Herden der Aufbegehrenden, der Mörder und der GlĂ€ubigen zusammen marschieren will 
 Wenn ihre Grausamkeit befriedigt ist, werden die Tyrannen leutselig; alles wĂŒrde in seine Ordnung zurĂŒckkehren, wenn die Sklaven, eifersĂŒchtig wie sie sind, nicht ihrerseits Anspruch darauf erhöben, die ihrige zu befriedigen. Das Bestreben des Lammes, ein Wolf zu werden, ist der Anlaß fĂŒr die meisten Ereignisse. Solche, die keine FangzĂ€hne besitzen, trĂ€umen davon, welche zu haben; sie wollen auch einmal diejenigen sein, die die andern verschlingen, und es gelingt ihnen dank der rohen Kraft ihrer Überzahl. – Die Geschichte: diese Dynamik der Geopferten.“

Mit zunehmendem Alter hat sich Cioran immer mehr vom TagesgeschĂ€ft der Verzweiflung zurĂŒckgezogen. Daß sich fĂŒr sein WeltverstĂ€ndnis heute mehr Belange denn je finden lassen, mußte ihn nicht beeindrucken: Die Menschheit geht den Weg, den sie gehen muß, wider besseres Wissen vielleicht, aber auch mit bemerkenswerter Sturheit. Obwohl Untergangsszenarien rege Zustimmung finden, möchte man das gute alte Prinzip Hoffnung noch nicht aufgeben, dem allerdings immer weniger AnlĂ€sse vorgelegt werden, sich bestĂ€tigt zu sehen. Cioran machte keine Anstalten, einem dahinsiechenden Optimismus wieder auf die Beine zu helfen – die Zukunftsvision, die er anzubieten hat, ist dafĂŒr von boshafter Eindringlichkeit: Der Mensch bringt sich selbst um, nicht weil er zu wenig, sonder weil er zu viel weiß: „Immer wieder stellt sich die Frage, wie der Mensch enden wird. Es gibt zwei Möglichkeiten: durch Kriege oder durch inneren Verschleiß. Der Mensch ist ein Abenteurer. Und ein Abenteurer kann nicht gut enden. Ich habe eine Marotte, ich glaube, daß der Mensch enden wird, wenn man auch das letzte Heilmittel gefunden haben wird. Man kann sich vorstellen, daß die Wissenschaft eines Tages alle Krankheiten besiegen kann, und daran wird der Mensch zerbrechen. Man muß die Idee annehmen, daß der Mensch verschwinden muß. Der Mensch war von Anfang an von der Obsession des Wissens beherrscht, er hat also sein UnglĂŒck gewollt. Sein Schicksal ist klar vorausgesagt in der Genesis. Er ist Opfer seiner Wissensbegierde, das ist heute offensichtlich; er war bereits offensichtlich fĂŒr den oder die Verfasser des Ersten Buches der Bibel, so daß diese ursprĂŒnglichen Wahrheiten die wahren Wahrheiten sind.“

Der Untergang, ĂŒber Jahrhunderte hinweg vorbereitet, scheint unabwendbar; die Frage bleibt nur, welche Generation das zweifelhafte VergnĂŒgen haben wird, ihn endlich und endgĂŒltig zu erleben. Eine solche Gewißheit kann mutlos machen, sie kann aber auch zu einer stabilen Gelassenheit fĂŒhren. So verliert letztlich sogar der Tod seinen Schrecken, ĂŒber den sich ohnehin streiten lĂ€ĂŸt. Cioran ließ die gepflegte DĂŒsternis seiner Lebenserwartung in Heiterkeit ausklingen, die als Fortsetzung der Verzweiflung mit anderen Mitteln gelten kann: „Wenn du einen Rat von mir willst, dann nimm diesen: Wenn Du nicht mehr lachen kannst, dann kannst Du Dich töten. Aber solange Du noch lachen kannst, warte, denn das Lachen ist ein Sieg ĂŒber das Leben und ĂŒber den Tod, es ist ein Zeichen dafĂŒr, daß man Herr ĂŒber alles ist. – Mein Vater war Priester. Einmal, nach einem BegrĂ€bnis, hat er uns erzĂ€hlt, daß, nachdem man den Sarg eines jungen MĂ€dchens ins Grab gesenkt hatte, deren Mutter in Lachen ausbrach. Das war Wahnsinn, aber es ist nicht absolut sicher, daß es Wahnsinn war. Wenn ich es auch damals nicht ganz klar begreifen konnte, habe ich doch gespĂŒrt, daß der Tod und erst recht die Beerdigung eine unertrĂ€gliche und provokatorische Tragikomödie darstellen. Die Mutter konnte etwas so Ungeheuerliches und Undenkbares nicht ertragen. Das Leben und der Tod sind ein substanzloses Schauspiel, das das Lachen rechtfertigt. Die Schöpfung ist bloß ein Vorwand des Absoluten. Das Vedanta, das tiefste metaphysische System der Inder, behauptet mit Recht, daß Gott die Welt ‚nur aus Spiel’ geschaffen hat.“

Das Leben also ein Spiel, das in der Regel tödlich endet; wer es gelassen durchsteht, ohne von grĂ¶ĂŸeren SchicksalsschlĂ€gen gebeutelt zu werden, darf wohl schon von GlĂŒck reden. Ein gutes Gelingen ist damit noch nicht angezeigt, zumal das Gute, wie im ĂŒbrigen alles andere auch, bezweifelt werden kann. Cioran, der den Zweifel zur metaphysischen Kunstform erhoben hat, ist seinen AnfĂ€ngen bis zum Ende treu geblieben. Den Erkenntnissen seiner schlaflosen NĂ€chte bewahrte er ein ehrendes Andenken; sie begleiteten ihn, ein Leben lang, und sind auch heute noch, da ihr Urheber leider nicht mehr unter uns weilt, von erfreulich zweifelhaftem Nutzen: „Das Nichts lag in mir selbst, ich brauchte es nicht zu entdecken. Ein VorgefĂŒhl davon hatte ich schon als Kind, durch die Langeweile, diesen SchlĂŒssel zu abgrĂŒndigen Entdeckungen. Auf einmal hatte ich dieses GefĂŒhl der Leerheit, das GefĂŒhl, an jenem Nachmittag, mit fĂŒnf Jahren, daß ich außerhalb der Zeit sei. Das habe ich seit damals immer wieder gespĂŒrt, es ist eine fast tĂ€gliche Erfahrung geworden.“

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Gottfried Benn fĂŒr Arme

Ein bitteres Adieu zum 100. Geburtstag: E.M. Ciorans brĂŒnstig-inbrĂŒnstige AufsĂ€tze aus den Dreißigerjahren entlarven den Philosophen als braunen SchwĂ€rmer

Von Fritz J. Raddatz — Die Welt 02/04/2011

Empörend, luziferisch, ruchlos und in seiner historischen Analyse hochbrisant: E. M. Ciorans konsequenter Irrweg zum Faschismus. Das Buch macht uns zum Zeugen eines intellektuellen Selbstmords. Es ist dadurch auf verfĂŒhrerische Weise spannend – ein Hitchcock in Worten; denn man liest und liest (wie man des Thriller-Königs Bilder sieht) mit steigendem Gruseln, anfangs atmosphĂ€risch gebannt, das Unheil nur ahnend. Dann begreift man, dass da ein geĂŒbter Schwimmer in krĂ€ftigen StĂ¶ĂŸen auf einen Strudel zustrebt, möchte “Halt ein, Vorsicht, der Sog wird dich hinabziehen” rufen. Doch unerbittlich ist die Konsequenz, die tötet.

Anfangs nĂ€mlich meint man noch die Wollust des Skeptizismus zu spĂŒren, den der Ă€ltere Cioran (ab 1940 in Paris lebend) als Lehre vom Verfall zelebrierte – in mal koketten Aperçus, mal visionĂ€r-dĂŒsteren Prophezeiungen; eine lĂ€chelnde Sphinx des Montparnasse, die Freuden des Sexus und der eleganten Restaurants verachtend, die er genoss. Ein apokalyptischer Taxifahrer. Sein Hohn lustbetont und seine Endzeitvisionen mit Schalk in den Augen psalmodierend. Die irratio war sein Credo. Wie frĂŒh und wie stark – das fĂŒhren diese Texte vor.

Anfangs mag man dem widersprechen, aber es ekelt noch nicht; zumal gar manche apodiktischen SĂ€tze wie eine Eigendefinition klingen: “Ein metaphysischer Masochismus mengt Wollust in das PhĂ€nomen des Zerfalls und findet Freude im kosmischen Chaos.” Sein Misstrauen gegen weltgeschichtliche Lösungsangebote des puren Rationalismus ist ja bedenkenswert. Durchaus finden sich da Warntafeln, die ebenso gut der KĂŒnder eines MĂ€rchen-Marxismus, also Ernst Bloch, aufgestellt hat – der ja das Versagen des Kommunismus vis-Ă -vis dem herannahenden Nationalsozialismus mit eben diesem Manko beschrieb, dem Außerachtlassen der Psyche des Menschen.

Dieses Cioran-Dekret ist Bloch pur: “Der Rationalismus hat keine eigene Kraft, sondern ist reine FormungstĂ€tigkeit; er will dem Menschen ein geschlossenes Weltbild bieten, will Werteordnungen aufstellen und dem Verhalten im Leben eine Richtung geben.” So weit, so – noch – gut. Selbst die Analyse der DĂŒrer-Melancholie als einer ohne jede Heiterkeit, vulgo: deutsch-schwermĂŒtig, will man als Offerte passieren lassen, tradierte Zeichen neu zu lesen; zumal, wenn das Italische als Gegensatz begriffen wird: “Die Unruhe der gotischen Seele hat Versöhnung und Gleichgewicht nie gefunden. (…) Und dann versteht man, warum in Italien die Melancholie durch ein LĂ€cheln gemĂ€ĂŸigt und im Norden durch schmerzhafte Anspannung verschĂ€rft wird. In DĂŒrers Melencolia fehlt jeder Ausdruck von Ironie…”

Doch schon fĂ€llt Cioran sich ins Wort, rĂŒgt etwa das “anarchisch gewordene Bewusstsein Kokoschkas”, der “den seelischen Halt des Menschen zerstört (…), um sich in einen absurden Elan zu stĂŒrzen, in dem das Chaos Norm und der Wahnsinn Absicht ist. (…) Kokoschkas Kunst ist ein Ausdruck des Seelenzerfalls”. In schnellen StĂ¶ĂŸen geht es auf den Strudel zu. Noch denkt man einen Augenblick, gut gut, das hĂ€tte auch Thomas Mann (in den “Betrachtungen”) schreiben können. Wenn die deutsche Tiefe – “nicht nur Inbrunst, sondern auch Mannigfaltigkeit der Ebenen” – gepriesen wird: da schlagen die Wellen schon hoch, da wird der “unbeherrschbare innere Dynamismus” gefeiert, der “alles, was die Deutschen schufen, atmet”: da wird, wir schreiben November 1933, von “schicksalhafter Entwicklung” und “wesenhaften Lebensformen” gefaselt. Gottfried Benn fĂŒr Arme. TatsĂ€chlich erinnert manch Fanfarenklang an die Benn-Infamien. Nicht nur in kurzen (Um-)Denkbefehlen Ă  la “Die Zeit ist gekommen, da man den Irrationalismus nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Politik ausrufen muss” oder “In dieser Welt dĂŒrfen nur die maßlosen Menschen geliebt werden”, sondern auch in sorgfĂ€ltig ausformulierter Gregorianik: “Es nötigt Bewunderung ab, wenn man sieht, wie ein Regime, um sein Dasein zu rechtfertigen, das Recht verĂ€ndert, die Religion umwandelt, der Kunst eine andere Richtung gibt, eine andere Perspektive der Geschichte konstruiert, drei Viertel der anerkannten Werte brutal beseitigt, rasend verneint und dabei vor Enthusiasmus pulst.”

Wir haben es nicht zu tun mit einem pubertĂ€ren Augenaufschlag. Cioran ist 1933/34 immerhin ĂŒber zwanzig, Sohn eines Priesters, ehemaliger Gymnasiast und Philosophiestudent (mit einem Berlin-Stipendium), hochgebildet, rundum belesen, Kenner der Klassiker wie der Philosophen von Kant bis Nietzsche. Er hat sich wie in Hypnose in einen Denk-Rausch versetzt, der sĂ€mtliche hirnlichen MaßstĂ€be verwirft, um eine Heilserwartung herbeizuphantasmagorieren, die vor Anbetung der SchĂ€ndlichkeit nicht zurĂŒckschreckt. So wenig wie vor einem Weihe-Klingeling obskurer SektenbroschĂŒren, in denen von “Sendung”, “geschichtlichem Gipfel”, “Schicksal” und “schöpferischer Barbarei” gefaselt wird. Gleich einem zu kurz gekommenen Masturbanten schwitzt dieser junge RumĂ€ne: “Wenn mir etwas an den AnhĂ€ngern Hitlers gefĂ€llt, so ist es der Kult des Irrationalen, die Verherrlichung der Lebenskraft als solcher, das mannhafte Ausgreifen der KrĂ€fte, ohne kritischen Geist, ohne Vorbehalte und ohne Beherrschung.”

Ein geistiger Missbrauchsskandal. Hier hat kein Priester einem Knaben an die Hose gefasst, hier hat ein fanatischer Hohepriester allen Denkenden ins Gehirn gespuckt; das eigene Denken hat er am Koppelschloss von Hitlers Hose abgegeben: “Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir grĂ¶ĂŸere Sympathie einflĂ¶ĂŸt als Hitler. (…) Die FĂŒhrer-Mystik in Deutschland ist völlig gerechtfertigt. (…) Das Verdienst Hitlers besteht darin, einer Nation den kritischen Verstand geraubt zu haben.” Das erschien am 4. Juli 1934. Eine Woche spĂ€ter wurde Erich MĂŒhsam im KZ Oranienburg ermordet. Gehörte er fĂŒr Cioran zu “solchen Menschen, denen das Leben zu nehmen, das Blut solcher Bestien zu vergießen, eine Pflicht ist”? “Was hat die Menschheit verloren, wenn einigen Schwachsinnigen das Leben genommen wurde?”, fragt er in einem “Brief aus Berlin” vom 15. Juli 1934 einige Zeilen zuvor und fĂŒgt an: “Der Ekel vor dem Menschen erfĂ€hrt eine dermaßen schreckenerregende Rechtfertigung, dass der Tod einiger Nullen nicht beeindrucken kann”. Damit rechtfertigt er die Ermordung Röhms; und wessen Ermordung noch?

Ach, man mag es eigentlich gar nicht lesen noch kommentieren, diese schreckenerregende Ungeheuerlichkeitssuada, die in immer neuen AnsĂ€tzen eine kniefĂ€llige WillfĂ€hrigkeit anstimmt fĂŒr den Choral “Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die fĂŒr Hitler grĂ¶ĂŸere Bewunderung hegen als ich”. Der VerzĂŒckungswahn gibt sich meist erhaben und heroisch – “Die Menge will, dass ihr befohlen werde” – und hat doch auch etwas Verschwiemeltes; zumal wenn Cioran, der spĂ€ter durch die nĂ€chtlichen Pariser Straßen nach Abenteuern ausspĂ€hend schnĂŒrt, auch noch eine saubere Sexualmoral fordert. Seine an Dix gemahnenden Zeichnungen von Bordell und Syphilis verraten die zitternde Hand einer Betschwester, die allerdings statt himmlischer Erlösung die Sehnsucht nach Diktatur herbeisingt. Widrige Jauchzer. Ciorans Lobpreis der MilitĂ€rmusik als Begleitung von Ekstasen gipfelt in der bizarren conclusio “Adam ist Feldwebel gewesen”.

Damit verglichen, ist der Heldendiarist Ernst JĂŒnger eine Dumpfbacke; der hassheisere CĂ©line ein Herzchen und Ezra Pound ein Poesiealbumdichter. So manche Philosopheme des seine spĂ€tere Wahlheimat Frankreich verhöhnenden Hitler-Mannen lesen sich erhaben – und sind doch nur töricht: “Der Individualismus fĂŒhrt zu Atomisierung. … Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung.”

Cioran hat mit diesen frĂŒhen ErgĂŒssen Goyas Capriccios zerfetzt, von denen eines der eindringlichsten betitelt ist “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer”. Ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte dieses Buch nie gelesen. Eine grĂ€ssliche LektĂŒre. Fragen muss ich mich allerdings: Muss man auch andere BĂŒcher von Cioran ganz neu, ganz anders lesen? Sind vielleicht viele der so gepriesenen Aphorismen, deren Schnippischkeit man bewunderte und deren rasiermesserscharfe Seelenchirurgie man gar köstlich fand – sind auch die nicht ein Nachhall seiner PaukenschlĂ€ge gegen Vernunft, Ratio, Denken? Ich finde Unterstreichungen von mir etwa in dem Band “Geschichte und Utopie”, die diesen Verdacht durchaus nĂ€hren.

Damals nahm ich derlei wohl fĂŒr Oscar-Wilde-Keckheiten, wenn ich las, man betreibe bitte seine Angelegenheiten besser aus Eifersucht und Raubgier als aus Edelmut und Selbstlosigkeit. Heute kann ich das nicht mehr graziös finden und Ciorans Menschenekel, mit dem er “Wir Maniaken der Fortpflanzung” schimpft, mit dem er alle und alles verachtet, scheint mir mehr kokett als profund. HochmĂŒtig dekretiert der Homme-Ă -Femmes: “Die VervielfĂ€ltigung unserer Artgenossen grenzt ans Ekelhafte; die Pflicht sie zu lieben an Verschrobenheit.” Gewiss applaudierte man – “man”? Ich – solch tĂ€nzerischer FrivolitĂ€t auch, weil man sie in den 60er- und 70er-Jahren, also der Zeit von Kommunenmief und barbusiger Distanzlosigkeit, als amĂŒsantes Vexierspiel begriff. “Eine Welt ohne Tyrannen wĂ€re ebenso langweilig wie ein Zoologischer Garten ohne HyĂ€nen” – solche apodiktischen Frechheiten meinte man (wĂ€hrend man etwa den Schah bekĂ€mpfte) als nicht ernst gemeint goutieren zu dĂŒrfen; als geĂ€ußert in dem, was in Frankreich “le deuxiĂšme degrĂ©” heißt – will sagen: geĂ€ußert mit dem Augenzwinkern stiller Übereinkunft, als sei es nicht ernst gemeint. Niemand wusste doch, wie brĂŒnstig-inbrĂŒnstig Cioran tatsĂ€chlich einen Tyrannen lobpreisend besungen hatte.

So wurde auch sein Hauptwerk “Lehre vom Zerfall”, ins Deutsche ĂŒbersetzt immerhin von Paul Celan, als etwas kesse VerlĂ€ngerung von Walter Benjamins Begriff der Geschichte als Katastrophe verstanden; bei Cioran hieß es eben “Die Geschichte hat keinerlei Sinn” oder “Weltgeschichte – Geschichte des Bösen”. Das las eine jĂŒngere Generation keineswegs als Affirmation; vielmehr im Gegenteil: Diese Jugend, ob in San Francisco oder kurz darauf in St. Germain hatte ja den Impuls, das Böse aus der Geschichte zu bannen, einen Fortschritt zu versuchen. WĂ€hrend in dieser viel zitierten, aber wohl weniger verstandenen “Lehre vom Zerfall” Geschichte als “Massenmanufaktur von Idealen” denunziert wurde und die Wirklichkeit als “tödliche Fiktionsgier”, brach in weiten Teilen der Welt, fast wie eine Grippe-Epidemie, der Glaube an VerĂ€nderbarkeit aus. Die Leitersprossen dieser möglichen VerĂ€nderung verlachte unser Mansarden-Genie: “Gestern, heute, morgen – lauter Kategorien fĂŒr Dienstboten.” Was habe ich, lachend, bei gutem Wein, mit Cioran ĂŒber diese seine Hirn-Pirouetten gestritten, ihm einmal angeboten, dann halt mit VergnĂŒgen sein Dienstbote zu sein. Dass er tief in der Gedankenpampe von Blut und Boden und Mythos und Sendung und völkischem Schicksal stak – das hĂ€tte ich niemandem geglaubt; am wenigsten ihm selber.

Das Alter ist erbarmungslos – nicht nur galoppiert das Totenbataillon verstorbener Freunde vorbei: von Hubert Fichte bis Paul Wunderlich, von Thomas Brasch bis Walter Kempowski. Nun heißt es ein zweites Mal Abschied nehmen vom GefĂ€hrten E. M. Cioran; es war wie geistige NĂ€he, kein Paris-Aufenthalt ohne Abende, manchmal NĂ€chte mit ihm, der mir so luzide schien in seiner heiter illuminierten Finsternis, seinen gleißenden Blitzen. Ich wusste damals nicht, dass die SS-Runen geraubt waren. Bitteres Adieu.

Die Sehnsucht nach dem Tyrannen

E. M. Cioran: Über Deutschland. AufsĂ€tze aus den Jahren 1931-1937.Aus dem RumĂ€nischen von Ferdinand Leopold. Suhrkamp, Berlin. 232 S. 17,90 Euro.

Der Verzicht auf Freiheit: Über Deutschland (1937)

E. M. Cioran
Über Deutschland – AufsĂ€tze aus den Jahren 1931–1937
Aus dem RumÀnischen und mit einem Nachwort von Ferdinand Leopold
Suhrkamp, Berlin 2011

Von E. M. Cioran (www.faust-kultur.de)

Von jeher haben die Menschen nach Freiheit gestrebt und sich gefreut, sooft sie sie verloren. Mehr noch. Sie haben verzweifelte Anstrengungen unternommen, sie zu verlieren. Anders lassen sich das rasende Bestreben, liberale Herrschaftsformen aufzulösen, und das leidenschaftliche SchwĂ€rmen fĂŒr die Diktatur nicht erklĂ€ren. Der FreiheitsĂŒberdruß ist eine der schwerstwiegenden und verstörendsten Erregungen, die der Mensch erfahren kann, weil dieser, da ihm die Achse im Innern seines Wesens fehlt, sich durch das, was er nicht ist, zu retten versucht. Sogar in den Schreckensherrschaften ist sich der Mensch seiner selbst sicherer als in den Phantasien der Demokratie. Denkfaulheit und die Angst, sich in der Welt monadisch abzukapseln, lassen ihn mit Freude und behaglicher Ergebung die Imperative und die Befehlsgewalt der Diktatoren hinnehmen. Eine Epoche unumschrĂ€nkter Freiheiten, »aufrichtiger« und Ă€ußerster Demokratie, die sich unbestimmt verlĂ€ngerte, wĂ€re der unvermeidliche Zusammenbruch der Menschheit. Die Sterblichen haben nur die mit Leidenschaft geliebt, von denen sie geknebelt wurden. Und wen haben sie zum Mythos gemacht? Die Henker ihrer Freiheit.

Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die fĂŒr Hitler grĂ¶ĂŸere Bewunderung hegen als ich. Und ich will ihm nichts von seinem monumentalen Nimbus nehmen, wenn ich an die ironische Beobachtung erinnere, die ich machte, sooft ich ihn von der Menge umjubelt sah. Dann schien mir, daß alle diese Sterblichen die Hand zu ihm erhoben, um ein Joch zu erbitten, unter das sie alle passen könnten, und nach einer Strafe lechzten, die nicht auf sich warten lassen dĂŒrfte. Ein Diktator hat die Seele eines messianischen Henkers, von Blut und Himmel befleckt.

Die Menge will, daß ihr befohlen werde. Die erhabensten Visionen und Ekstasen, mitgeteilt durch Engelsflöten, können sie nicht so in Bewegung setzen wie ein MilitĂ€rmarsch. Adam ist Feldwebel gewesen. Wie konnten wir alle nicht verstehen, daß es kein grĂ¶ĂŸeres UnglĂŒck fĂŒr die Menschen gibt, als wenn sie genötigt werden, zwischen Gut und Böse zu wĂ€hlen? Wenn alle Probleme beseitigt wĂŒrden, dann könnten sie die Freiheit bis zuletzt hinnehmen, doch solange sie die Qual des Denkens und des Unlösbaren drĂŒckt, gehen sie in der unendlichen Sahara der Freiheit unter.

Nach der Diktatur sehnen sich insbesondere zwei gegensĂ€tzliche Arten von Menschen. Einerseits der ewige und unverantwortliche Pöbel und andererseits vereinzelte Geister, die sich aus einem Übermaß an Verfeinerung und Problematisierung fĂŒr keinen Wert mehr entscheiden können und sich dem Strom von Ansichten ĂŒberlassen, den diktatorische Energie und diktatorischer Imperialismus erzeugen.

Jeder, der das Bauerntum unseres Landes mit seiner einfachen und unentwickelten Psychologie ein wenig kennt, muß mehr denn ĂŒberzeugt davon sein, daß es nichts anderes erwartet, als von der Freiheit, von allen ihren Fiktionen und Illusionen entgiftet zu werden. Ein wahrer Schrei nach Diktatur und ein unbezwinglicher Haß auf eine sinnlose Freiheit. FĂŒr diejenigen Gesellschaftsschichten, die nicht unmittelbar an der Geschichte teilhaben, gibt es keine grĂ¶ĂŸere Tragödie als die Demokratie. Im Weltprozeß ist das Bauerntum in ein Werden hineingezogen worden, mit dem es nichts verbindet. Die Demokratie vermochte das Bauerntum nicht zu einer Wirkkraft der Geschichte zu machen, so daß der ewige Pöbel zu einer Verantwortung verpflichtet wurde, zu der er sich nicht wesenhaft berufen fĂŒhlt. Die Bauern möchten, daß alles ĂŒber ihre Köpfe hinweg entschieden werde, und so ist die Diktatur ihr irdisches Paradies. Wenn sie wissen, daß ein Mensch, ein einziger, fĂŒr sie denkt, leidet und sich einsetzt, unter der Bedingung, daß sie auf die Illusion ihrer IndividualitĂ€t verzichten, wird keiner von ihnen zaudern, diese Illusion zu opfern. Die ahistorische Menge hat nur ein einziges Ideal: den Verlust der Freiheit. Andere sollen Verantwortung ĂŒbernehmen; sie will nicht urteilen, und aus Angst vor Anarchie begeistert sie sich fĂŒr die Schreckensherrschaft. Im ĂŒbrigen wĂŒrde sich ohne die Intoleranz der AnfĂŒhrer so eine Gesellschaft in weniger als einem Tag in eine Schar Kannibalen verwandeln und sich bis zum Tagesende durch Selbstzerfleischung zum Verschwinden bringen.

Von allen Werten, zu denen sich die Menschheit bekannt hat, »verschleißt« sich keiner stĂ€rker als die Freiheit. Die Empfindung der UnzutrĂ€glichkeit wird dramatisch. Und so ist bei den Intellektuellen unserer Zeit eine sonderbare Unterwerfungswut, eine Notwendigkeit der Verblendung, eine Wollust des Niederkniens entstanden. Niemand will mehr frei sein. Darin muß der Ursprung der Leidenschaft fĂŒr die Rechte oder die Linke gesucht werden.

Die Rhythmik der Weltgeschichte ist nichts als das Schwanken zwischen Freiheit und Terror. Jede Epoche erfĂ€hrt kraft der schicksalhaften Einseitigkeit des eigenen Prinzips eine innere Verneinung. Die Freiheit hat die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht und erfĂ€hrt in ihrem Exzeß ihre Verneinung. Wer den Fluch der Freiheit nicht versteht, kann sich in den zeitgenössischen Diktaturen nicht zurechtfinden. Die Rechte und die Linke werden auf den TrĂŒmmern der Freiheit errichtet.

Auf diesen TrĂŒmmern werden auch die Mythen errichtet.

Der Individualismus fĂŒhrt zu Atomisierung. Aber in der Atomisierung kann nichts Wirksames mehr geschaffen werden. Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung. Und da alle Ideale eine NichtigkeitsĂ€quivalenz haben, warum sollte der Wille eines einzigen Ideals eine einzige Ordnung der Geltungen durchsetzen! Bedeutet es denn, daß nur diesewahr sind? Nein, sondern nur: fruchtbar. Ein Politiker auf der Suche nach derWahrheit ist eine Ungeheuerlichkeit. Vielmehr findet der Politiker stets einigefruchtbare Fiktionen, die er mit NaivitĂ€t oder Schlauheit als Wahrheiten durchsetzt. Glaubt denn jemand ernstlich, der Hitlerismus sei »wahr«? Theoretisch lĂ€ĂŸt er sich lĂ€cherlich machen. Praktisch haben seine Formeln ihre Wirksamkeit und ihren Wert bewiesen. Übrigens sind Historismus und Fiktionalismus korrelativ. Die Wahrheit ist ĂŒbergeschichtlichen Wesens, und das Werden ist nichts als eine Wiege der TĂ€uschungen.

Je mehr SchwĂ€che jemand fĂŒr die Ewigkeit hat, desto weniger ist er Politiker. Es gibt aber manche, bei denen ein exzessives Verstehen des Transhistorischen sich mit einem besonderen politischen Instinkt verbindet. Sie sind zeitlebens dazu verurteilt, zwischen Eitelkeiten und Transzendenz zu schwanken, zwischen regelmĂ€ĂŸig wiederkehrenden AnfĂ€llen von VerklĂ€rung und TrivialitĂ€t. Das Leben ist im ĂŒbrigen nur fĂŒr Menschen aus einem Guß, eingefleischte Dummköpfe und Anbeter der ewigen Dummheit gemacht. Einem in himmelblauen Trauerflor eingehĂŒllten Herzen ist das Schauspiel der Welt durch ontologischen Überdruß, eine feinstoffliche Klosterlangeweile oder eine elementare Bordellangeweile entstellt. Alle Klarsichtigkeit ist verbrecherisch. Deshalb: Die Diktatur komme!

Der große Vorteil der Diktatur ist, daß man individuell nichts riskiert; es ist kollektiver Aufstieg oder Absturz. Und es ist ĂŒberaus aufschlußreich, daß jene Menschen sich zur Diktatur bekennen, die ihr persönliches Schicksal anwidert. Sie wollen kein Schicksal mehr haben. Kein Einzelschicksal.

Hitler und Mussolini werden von all jenen Menschen angebetet, die ihr Selbst mit Freuden aufgegeben haben. Wenn man es nicht mehr fĂŒr bedeutsam hĂ€lt, die Illusion der Individuation zum Mittelpunkt seiner selbst zu machen, hebt man sich durch den Kult des Mythos geistig auf, und somit ist die Diktatur ein politischer Triumph und eine geistige Niederlage.

Um die Diktatur zu verstehen, muß man Zynismus und Enthusiasmus richtig zusammenzusetzen wissen. Sonst wird das ganze Leben zu einer Reihe von Überraschungsvariationen auf der Tonleiter des Schwachsinns. Machiavelli, die französischen Moralisten und in unseren Tagen Spengler sind die einzige Schule, in der man lernen kann, sich nicht lĂ€cherlich zu machen. Wenn sich viele Menschen einem beliebigen Glauben verweigern, tun sie dies aus Furcht vor dem LĂ€cherlichen, diesem Laster der Intelligenz. Die Diktatur löst diese Probleme und Unruhen dadurch auf, daß sie sich nicht mehr dafĂŒr interessiert, daß sie die BeschĂ€ftigung damit nicht mehr erlaubt. BrutalitĂ€t ist die einzige Lösung fĂŒr die Desillusionierung der Intelligenz. DieW elt von heute sieht sich vor die Wahl gestellt zwischen Paradoxon und MilitĂ€rmarsch, zwischen dem Mißbrauch der Intelligenz und einer Vorahnung von StĂ€rke. Und sie hat ihre Wahl getroffen. Nur RumĂ€nien verharrt an der Schwelle der letzten Entscheidung.

Auszug aus: E.M. Cioran, Über Deutschland, AufsĂ€tze aus den Jahren 1931-1937, Berlin 2011 © Suhrkamp Verlag

Der lange Atem der Denunziation: Emil Cioran und die Securitate

28.04.2010 ·  Ein halbes Jahrhundert lang haben rumĂ€nische Geheimdienste den Philosophen und Schriftsteller Emil Cioran in seinem Pariser Exil bespitzelt. Eine Studie deckt ĂŒberraschende Details ĂŒber den einstigen Hitler-Bewunderer auf.

Von JOSEPH CROITORU — Frankfurter Allgemeine

In RumĂ€nien stĂŒrzt man sich nach wie vor begierig auf alles, was die Machenschaften der einstigen kommunistischen Staatssicherheit transparenter macht. Erst recht, wenn es mit rumĂ€nischen KulturgrĂ¶ĂŸen wie dem Philosophen Emil Cioran (1911 bis 1995) zu tun hat. Obgleich sie noch nicht einmal erschienen ist, sorgt eine Studie, die sich mit den Securitate-Akten ĂŒber Cioran befasst und demnĂ€chst in dem angesehenen rumĂ€nischen Verlag Polirom veröffentlicht wird, schon seit Tagen im Land fĂŒr Schlagzeilen. Ihr Verfasser, der rumĂ€nische Historiker Stelian Tanase, soll mehrere Jahre Forschungsarbeit in das Projekt investiert und dafĂŒr die Archive des rumĂ€nischen Geheimdienstes durchforstet haben.

© CINETEXT BILDARCHIV
Hitler (2.v.r.) empfing 1943 den StaatsfĂŒhrer Marschall Ion Antonescu (l.). Dieser hatte zwei Jahre zuvor den antisemitischen Cioran observieren lassen

Dass Cioran, der schon 1937 nach Paris emigrierte und im Winter 1940/41 sein Heimatland zum letzten Mal besuchte, als Sympathisant der faschistischen rumĂ€nischen Eisernen Garde spĂ€ter von den Kommunisten in Frankreich beobachtet wurde, ĂŒberrascht wenig. Dass aber auch schon das Antonescu-Regime in den Jahren 1941 und 1942 den antisemitischen Hitler-Bewunderer Cioran observierte, ist neu. Offenbar hing dies mit seinem Posten als rumĂ€nischer KulturattachĂ© zusammen, den er unter dem Vichy-Regime im Jahr 1941 fĂŒr einige Monate innehatte, aber bald verlor, weil ihn seine politischen Sympathien der rumĂ€nischen Regierung suspekt gemacht hatten – Staatschef Antonescu war zu jener Zeit damit beschĂ€ftigt, die Eiserne Garde auszuschalten.

Angst vor dem literarischen Ende

Seine faschistisch angehauchte Vergangenheit, die er noch Jahrzehnte nachher verschwieg, machte den rumĂ€nischen Schriftsteller fĂŒr den Geheimdienst des spĂ€teren, kommunistischen RumĂ€nien erpressbar. Die Securitate, die zahlreiche rumĂ€nische Exilanten bespitzelte und auch bedrohte, hatte den Auftrag, antikommunistische Agitation seitens der Exilgemeinde um jeden Preis zu verhindern. So geriet auch Cioran, der trotz seiner relativen ZurĂŒckgezogenheit in Paris eine bekannte öffentliche Person war, in ihr Visier. 1954, nachdem in den Jahren zuvor seine Familienangehörigen in der Heimat schweren Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren, legte die HermannstĂ€dter Geheimdienstbehörde eine Akte unter dem Decknamen „Ciobanu“ ĂŒber ihn an. Seit diesem Zeitpunkt musste Cioran, zumal sein Name in einem großen Schauprozess gegen rumĂ€nische Intellektuelle 1960 wiederholt auftauchte, damit rechnen, dass die Kommunisten seine frĂŒheren politischen Neigungen publik machen wĂŒrden, wodurch seine literarische Karriere im Nachkriegsfrankreich schnell beendet worden wĂ€re.

Dass solche Drohungen ernst gemeint waren, demonstrierte die Staatssicherheit noch im selben Jahr, als sie die faschistischen JugendsĂŒnden des sich unkooperativ zeigenden rumĂ€nischen Exilschriftstellers Vintila Horia der französischen Presse zuspielte. Horia musste auf den ihm kurz zuvor zugesprochenen Prix Goncourt verzichten, der Preis wurde nie an ihn verliehen, sein Ruhm als Literat war in Frankreich dahin. Und auch Cioran mied noch Jahre danach wohlweislich jeden Kontakt mit ihm.

Mit Codenamen zum Zielobjekt

1965 wurde der Philosoph als noch grĂ¶ĂŸeres Sicherheitsrisiko eingestuft und war von nun an Ziel der berĂŒchtigten „persönlichen Überwachung“. Zahlreiche Informanten meldeten der Securitate seine AktivitĂ€ten, jeder einzelne seiner nach RumĂ€nien geschickten Briefe wurde geöffnet, sĂ€mtliche seiner dort eingehenden Telefonate abgehört. Mit der AnnĂ€herung RumĂ€niens an Frankreich Ende der sechziger Jahre trat eine Wende ein, Ciorans mittlerweile unter dem Namen „Chiru“ gefĂŒhrte Akte war erst einmal stillgelegt. In der zweiten HĂ€lfte der siebziger Jahre wurde er jedoch erneut zum Zielobjekt des rumĂ€nischen Geheimdienstes.

Jetzt versuchten die kommunistischen Schergen Ciorans schon frĂŒher schwer betroffenen Bruder Aurel – er hatte in der Nachkriegszeit sieben Jahre im GefĂ€ngnis zugebracht – fĂŒr ihre Zwecke einzuspannen. Er sollte Emil zu einer Reise nach RumĂ€nien oder gar zur RĂŒckkehr bewegen – dies wĂ€re fĂŒr die Kommunisten ein propagandistischer Coup gewesen, der jedoch nicht gelang. Offenbar als Teil eines TauschgeschĂ€fts erhielt Aurel 1981 die Erlaubnis, seinen Bruder in Paris zu besuchen; wohl unter der Auflage, nach seiner RĂŒckkehr dem Geheimdienst Bericht zu erstatten. Der zustĂ€ndige Offizier blieb misstrauisch: „Durch weitere Informanten und Abhörtechnik zu verifizieren“, vermerkte er lakonisch in der neuerlich umbenannten Geheimdienstakte Emil Ciorans, die nun den Codenamen „ENE“ trug.

Empörung ĂŒber kommunistische Umsiedlungspolitik

Die darin enthaltenen Unterlagen aus den achtziger Jahren zeugen von einem Cioran, der wohl aufgrund der sich hĂ€ufenden Übergriffe der Securisten auf ExilrumĂ€nen noch vorsichtiger geworden war. Selbst zu seinen engsten Vertrauten in RumĂ€nien pflegte er nur noch losen Kontakt. Umso mehr musste die Securitate jetzt auf ihre Spitzel vertrauen, die hĂ€ufig als Diplomaten oder Journalisten getarnt waren. Einer der eifrigsten unter ihnen lieferte noch im November 1988 einen zehnseitigen Bericht ĂŒber seine Begegnung mit dem Philosophen. Ausgangspunkt des GesprĂ€chs war Ciorans Empörung ĂŒber die Folgen der aggressiven kommunistischen Umsiedlungspolitik.

Der Agent brĂŒstete sich indes damit, seinen GesprĂ€chspartner schließlich doch vom Nutzen dieser Maßnahme fĂŒr die Modernisierung des Landes ĂŒberzeugt zu haben. Sogar der Behauptung, die westliche Presse habe sich gegen RumĂ€nien verschworen, habe Cioran dann zugestimmt und ein Beispiel dafĂŒr genannt. Der im Zusammenhang mit der vermeintlichen antirumĂ€nischen Verschwörung von dem Philosophen nun angeschlagene antisemitische Ton kam bei dem Denunzianten wohl auch vor allem deshalb gut an, weil er sich jetzt als ĂŒberzeugter Antisemit zu erkennen geben konnte.

Ein zu positives Bild von RumÀnien

Cioran berichtete ihm nĂ€mlich von dem Fall einer amerikanischen Journalistin ungarisch-jĂŒdischer Herkunft, deren Recherchen zu RumĂ€niens Judenpolitik im Zweiten Weltkrieg nicht zu dem von ihr erwarteten Ergebnis gefĂŒhrt hĂ€tten. Weder hĂ€tten sich Hinweise auf angeblich schon damals unter den RumĂ€nen verbreitete Vernichtungsgedanken gefunden, noch hĂ€tten ihre Nachforschungen die offiziellen Opferzahlen von mehreren hunderttausend ermordeten rumĂ€nischen Juden bestĂ€tigen können. Die Zeitschrift habe ihren Bericht deshalb nicht drucken wollen, weil er ein zu positives Bild von RumĂ€nien vermittelt hĂ€tte: „Es war nicht einmal vom kommunistischen RumĂ€nien die Rede“, soll Cioran aufgebracht bemerkt haben, „sondern von RumĂ€nien im Allgemeinen, also vom rumĂ€nischen Volk!“

Daraufhin zeigte Ciorans GegenĂŒber seine antijĂŒdische Gesinnung noch offener. Der Agent lamentierte ĂŒber die viel zu große Zahl jener RentenempfĂ€nger im Land, die von den „imaginĂ€ren Verfolgungen“ wĂ€hrend des Krieges noch immer profitierten. Nicht die lĂ€cherlich geringen Rentenzahlungen, erwiderte Cioran, seien das Problem, das die RumĂ€nen bekĂ€mpfen sollten. Dass er hier wohl den Vorwurf meinte, RumĂ€nien sei mitschuldig an der Judenvernichtung, versteht sich erst aus dem Zusammenhang. Denn mittlerweile schien es sich um ein GesprĂ€ch zwischen zwei Gleichgesinnten zu handeln, zumal der Informant Ciorans Äußerungen in seinem Bericht nicht unkommentiert ließ. Er hege den Verdacht, schrieb er, es sei Cioran selbst gewesen, der besagte Journalistin zu den Recherchen angestiftet und ihr suggeriert habe, dass die hohen Opferzahlen eine reine Erfindung seien.

Distanz zu frĂŒheren judenfeindlichen Äußerungen

Wo in solchen Informantenberichten die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit verlĂ€uft, wird kaum auszumachen sein. Aus der Forschung ist indes bekannt, dass rumĂ€nische Geheimdienstspitzel nicht selten in ihren Berichten ideologische Bekehrungserfolge vortĂ€uschten. Trotz dieser Problematik werfen die erwĂ€hnten Bezugnahmen auf den Holocaust in RumĂ€nien nicht nur ein Licht auf die Verbreitung antijĂŒdischer Einstellungen in Securitate-Kreisen. Sie könnten auch die seit einigen Jahren schwelende Debatte ĂŒber Ciorans Antisemitismus wieder anheizen, zumal der Philosoph gerade Ende der achtziger Jahre sehr bemĂŒht war, sich von seinen frĂŒheren judenfeindlichen Äußerungen öffentlich zu distanzieren.

Eine erneute Diskussion mĂŒsste auch dem Umstand Rechnung tragen, dass die rumĂ€nische Akademie der Wissenschaften im vergangenen November den Philosophen – neben dem rumĂ€nischen Theaterautor EugĂšne Ionescu – postum zu ihrem Ehrenmitglied erklĂ€rte. Tanases Studie birgt indes noch weitere neue Erkenntnisse. So steht jetzt fest, dass Cioran auch nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes noch fast ein halbes Jahr lang in den Augen der Staatssicherheit als Gefahr galt. Erst am 5. Mai 1990 schloss der zustĂ€ndige Offizier M. Vasiliu die Akte mit dem Vermerk, an dem mittlerweile 79 Jahre alten „ENE“ bestehe kein „operatives Interesse“ mehr.

AutorenportrĂ€t E. M. Cioran II: Die Freiheit des Zweifelns

Geschrieben von: Johannes SchĂŒller

Blaue Narzisse, Montag, den 07. Mai 2012 um 09:47 Uhr

Das 1918 entstandene „GroßrumĂ€nien“ hatte nicht die besten Voraussetzungen. 25 Prozent der Bevölkerung bestanden aus Minderheiten, darunter Deutschen, Ungarn, Ukrainern oder Bulgaren. Dass dieses Reich nur von kurzer Dauer sein konnte, bewies der Hitler-Stalin-Pakt 1940. Trotz der deutschfreundlichen Regierung unter General Ion Antonescu verteilte Hitler rumĂ€nisches Territorium an die Sowjetunion und Ungarn. Antonescu fĂŒhrte ein Jahr spĂ€ter das Land in den Krieg gegen die Sowjetunion, er war von Hitlers schnellem Sieg in Frankreich ĂŒberzeugt. 1947 verwandelte die Sowjetunion das Land in einen Satellitenstaat. RumĂ€nische Intellektuelle flĂŒchteten ins Pariser Exil, darunter Cioran selbst sowie seine Freunde, der Religionsphilosoph Mircea Eliade und der Autor und Maler Eugen Ionescu.

Aversionen gegen Nietzsche

Ciorans spĂ€teres Bekenntnis zu Frankreich, dessen „Kultur des Stils“ er 1933 in seinem Essay „Deutschland und Frankreich oder die Illusionen des Friedens“ als Gegenspieler des deutschen, organischen Denkens und dessen „Mystik” und „Tragik“ verdammte, markiert ab 1945 auch den grundlegenden Wandel in der ontologisch fundierten Philosophie des RumĂ€nen. WĂ€hrend er anfangs in Paris ? unter dem Vorwand einer Doktorarbeit ? die VorzĂŒge seines Stipendiums auskostete, entwickelte Cioran schließlich grundlegendes Interesse an der französischen Sprache. In diese Zeit fĂ€llt auch seine Auflehnung gegen den eigenen Vitalismus der rumĂ€nischen Jahre. „Wir haben mit Nietzsche an den ewigen Bestand der RauschzustĂ€nde geglaubt; dank der Reife unseres Zynismus sind wir weiter gegangen als er. Die Vorstellung vom Übermenschen erschien uns nur noch als ein Hirngespinst (…)“, heißt es in den 1952 erschienenenSyllogismen der Bitterkeit. Trotzdem wĂ€re es falsch, Cioran lediglich als radikalsten aller Nihilisten zu begreifen. Vielmehr suchte er immer wieder nach den „blinden Flecken“ im Denken Nietzsches: Dazu gehört auch die Gefahr einer absoluten Verherrlichung des ungeschminkten, realen Lebens, wie sie der spĂ€tere Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse 1886 praktizierte. Ebenso passt es zum widersprĂŒchlichen Denkens Ciorans, dass er die Charakterisierung als „Nihilisten“ klar ablehnte. Die KĂŒnstlerin Lea Vergine erinnerte sich an ihn als eines der „heitersten Wesen, das man sich in Gesellschaft vorstellen kann.“

Ein Aphorismus aus der Werkauswahl Cahiers 1957 ? 1972 trifft wohl am ehesten den philosophischen Wandel Ciorans nach 1945: „Jeder uralte Mensch, der sein Leben zusammenfaßt, kann sich ebenso sagen: ‘Ich bin zufrieden damit, existiert zu haben’, wie auch: ‘Es wĂ€re besser gewesen, nicht geboren zu sein’. Beide Reaktionen sind gleichermaßen legitim und gleichermaßen tiefgrĂŒndig (Hervorhebung im Original, J. S.).“ Skeptische Gleich-GĂŒltigkeit statt nihilistischer „Umwertung aller Werte“: Darin mĂŒndet Ciorans antiutopische Kehrtwende.

Der Widerspruch Leben bleibt unauflösbar

Im Vitalismus, resĂŒmiert Bollon, erkannte Cioran die Gefahr „einer Entfesselung der zerstörerischsten KrĂ€fte gegen die Verfechter jeder ‚Sklavenmoral?, das heißt der Monotheismen und insbesondere des Judaismus.“ So erscheint es nur folgerichtig, dass er sich ebenso gegen die totalitĂ€re Versuchung wie gegen jeden Glauben, insbesondere an einen der Geschichte impliziten Fortschritt, wendet. Heilmittel gegen das Nichts ist fĂŒr Cioran in erster Linie der schnörkellose, sich stets revidierende aphoristische Stil und das Aushalten des unauflösbaren Widerspruchs Leben. Darin zeigt sich ihm zugleich das zauberhafte, geheimnisvolle Wesen einer trĂŒgerischen Existenz. „Es gibt keine andere Welt. Es gibt nicht einmal diese Welt. Was gibt es dann? Das innere LĂ€cheln, das die die offenkundige Inexistenz der einen und der anderen in uns hervorruft“, lautet ein Aphorismus aus Gevierteilt von 1979.

Zugleich erlebt Cioran in der physisch und psychisch drastischsten Form, nĂ€mlich der Krankheit, wie machtlos der Mensch gegenĂŒber dem Stigma der Existenz bleibt. Seit seinen Jugendjahren quĂ€lte ihn die immer wiederkehrende Schlaflosigkeit und es ist nicht vermessen, darin einen Grundeinfluss auf sein Denken zu sehen. „Der Schlaflose weiß, im Unterschied zum Kritischen, daß er nicht der Herr seiner PrĂ€missen ist“, betont Sloterdjik im Blick auf Ciorans Denken.

Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist“

In diesem absoluten GefĂŒhl der Ohnmacht und der aus Lebensreife gewonnenen Skepsis gegenĂŒber jeder Erlösungsidee liegt der reaktionĂ€re Zug des Cioranschen Denkens. „Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist“, heißt ein anderer Aphorismus aus Gevierteilt. Wir wissen nicht, welches Urteil Cioran angesichts der neuen Erlösungsideologien, der heraufziehenden Biotechnik, der Selbstauslöschung des Abendlandes und den Utopien der sich globalisierenden Welt getroffen hĂ€tte. Die Philosophie des 1995 verstorbenen Verneiners verweigerte jeden prophetischen Gestus. Uns aber bleibt die Freiheit des Zweifelns.

Zum ersten Teil des Artikels von Johannes SchĂŒller geht es hier.

SekundÀrliteratur:

Bollon, Patrice: Cioran, der Ketzer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Kinzel, Till: AutorenportrÀt Emil Cioran. In: Sezession Nr. 16 vom Februar 2007. Schnellroda.

Kubitschek, Götz: Eiserne Garde. In: Sezession Nr. 16 vom Februar 2007. Schnellroda.

Mattheus, Bernd: Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. Berlin: Matthes & Seitz 2011.