Eine Erinnerung an E. M. Cioran

Von Otto A. Böhmer

100. GEBURTSTAG AM 8. APRIL 2011 (www.Faust-Kultur.de)

Wenn ihm danach ist, gibt es der Herr den Seinen im Schlaf, was manchmal noch anhält, wenn der Schlaf sich rar macht und zur Schlaflosigkeit wird. Dies hat der Schriftsteller und Essayist Emile Michel Cioran unter Beweis gestellt, der einst unter massiven Schlafstörungen litt und zu der Einsicht gelangte, daß es mit Gott und der Welt nicht weit her sein kann. Cioran, der vor 100 Jahren im rumänischen Hermannstadt geboren wurde und am 20. Juni 1995 in Paris starb, verfiel auf seinen Grundgedanken als junger Mann von gerade mal einundzwanzig Jahren: „Ich habe damals Philosophie studiert. Philosophie ist sehr gefährlich für junge Leute, man ist unglaublich von sich selbst eingenommen. Dann geschah etwas in meinem Leben, ein Zusammenbruch. Ich habe den Schlaf verloren. Alle meine Nächte wurden schlaflose Nächte … Und dann habe ich mir gesagt: Du mußt ein Buch schreiben! So entstand mein erstes Buch ‚Auf den Höhen der Verzweiflung’. Ich hatte mehrere Titel im Kopf, aber ich konnte mich nicht entscheiden. Ich ging ins Café und fragte einen Kellner: Welchen von diesen drei oder vier Titeln würden Sie wählen? So war es bei meinem ersten Buch und beim nächsten auch.“

Ciorans Erstlingswerk, der Geniestreich eines übermüdeten jungen Mannes, der seine Nächte als Stadtstreicher wider Willen zubrachte, ist ein Buch von irritierender Haltlosigkeit, eine Gedächtnisschrift für das hintergründige Leid der Welt, zu dem sich ein Chronist herabläßt, der nicht mehr an den Symptomen herumkurieren möchte, sondern den literarisch geläuterten Untergang will. Ciorans Reisebericht aus der Höhenwelt der Verzweiflung fällt so leidenschaftlich aus wie die Kondolenzbekundung des Bestattungsunternehmers im Haus des Toten: „Alle überspannte Beflissenheit, um im Diesseits zu glänzen, aller teuflischer Zauber, um mir einen künftigen Nimbus zu erwerben, und der ganze Elan, den ich auf eine organische Wiedergeburt oder innerliche Morgenröte verschwendete, haben sich als schwächer erwiesen als die Bestialität dieser Welt, welche alle ihre Vorräte an Verderbnis und Gift in mich ausgegossen hat. Das Leben hält hohen Temperaturen nicht stand.“

In Ciorans Erstlingswerk gleichen die ausgegebene Durchhalteparolen einem Bekenntnis zur elitären Nachbesserung der wahnwitzigen, vielleicht auch nur versehentlich ausgetragenen Schöpfung. Die einmal geschaute Wahrheit ist schrecklich, aber nicht schrecklich genug, um nicht noch zusätzlich Zunder vertragen zu können, eine Flammenkur, der zumindest die herrschende Mittelmäßigkeit und ihr massenhaft über den Erdball verbreitetes Bedienungspersonal zum Opfer fallen müßte. „Wenn ich nur könnte, würde ich die gesamte Schöpfung in Agonie versetzen, um des Lebens Wurzeln von Grund auf zu läutern, sie mit weißglühenden und einschmeichelnden Flammen zu entzünden, jedoch nicht um sie zu zerstören, sondern um sie mit frischem Saft und unverbrauchter Glut zu beleben. Der Weltbrand, den ich entfachen wollte, würde nicht Trümmer, sondern kosmische Verklärung abwerfen.“

Die Beschwörung des kosmischen Weltbrandes als irdische Leidensfeier für nichtsahnende Gäste – ein solches Szenario, vorgetragen von einem gerade mal zweiundzwanzigjährigen Autor, durfte nicht nur als erstaunlich gelten, sondern schien auch dazu geeignet, Hohn und Spott hervorzurufen. Cioran konnte damit umgehen; er begegnete seinen Kritikern mit ruhigem, in der Sache jedoch unnachgiebigem Humor, der die eigene Person nicht schonte: „Dieses erste Buch war von einer provokativen Aufrichtigkeit. Meine Mutter war besonders beängstigt: Was wird aus Dir werden? Ich werde einen Arzt rufen. Der Arzt kam, er stellte mir Fragen, und danach hat er meiner Mutter gesagt: Ihr Sohn ist höchstwahrscheinlich Syphilitiker. Damals stand die Syphilis im Ruf einer Prestigekrankheit; wenn man die kleinste Extravaganz zeigte, hieß es gleich: er hat Syphilis. Ich habe damals ein Buch gelesen, dessen Verfasser ein Jugoslawe war, es hieß ‚Das Genie und die Syphilis’. Er … zitierte viele Namen von hochbegabten und angesteckten Geistern. Ich war sehr beeindruckt. Ich wollte Syphilitiker sein. Meine Mutter hat mich gezwungen, eine Blutuntersuchung machen zu lassen. Ich suchte einen Spezialisten auf. Meine Einstellung war zwiespältig, einerseits wünschte ich mir diese unverhoffte Chance, andererseits auch wieder nicht. Als ich bald darauf zu dem Arzt zurückkam, sagte er triumphierend: Ihr Blut ist rein. Sind Sie nicht froh darüber? – Eigentlich nicht, war meine Antwort.“ Ciorans Denken, angetrieben durch eine wachtraumhafte Abfolge nächtlicher Inspirationen, verblieb nicht im Bannkreis jener Höhen, die von den „Gipfeln der Verzweiflung“ markiert wurden. In der Folgezeit sah es sich zur Versachlichung angehalten, die mit einer Veränderung der realen Lebensumstände des Autors zu tun hatte: Nachdem Cioran, in einer kurzen, aber unrühmlichen Episode, die er nie verschwieg, den Faschismus lobte und zwei Jahre in Berlin lebte, ging er 1937 nach Paris, wo er sich dem Wagnis unterzog, eine Existenz als freier Schriftsteller zu führen und, was einer zusätzlichen Herausforderung gleichkam, in französischer Sprache zu schreiben. Als Philosoph sah sich Cioran nicht, eher als „mißglückten Buddhisten“, wie er einmal zu Protokoll gab. An der Philosophie störte ihn ihr ausgeprägter Ordnungssinn, ein fast beamtenhaftes Bemühen, das Chaos der erkennbaren Welt in Regelwerke zu kleiden, die nicht haltbarer sein konnten als die vom Zerfall bedrohten Körper ihrer Urheber. Cioran schrieb, um zu überleben, was grotesk anmuten durfte bei einem Schriftsteller, der mit dem Selbstmord auf vertrautem Fuße zu stehen schien – eine Vermutung allerdings, die Cioran nicht zu teilen vermochte:

„Schreiben ist die einzige Behandlung, wenn man keine Arzneien nimmt. Dann muß man schreiben. Man hat mich oft als “Apologeten des Selbstmords” gebrandmarkt. Ich bin es eigentlich nicht. Ich muß mich hier selbst zitieren: Ohne die Idee des Selbstmordes hätte ich mich seit langem getötet. Damit wollte ich sagen: diese Idee ist eine unglaubliche Hilfe. Das Leben wird dadurch erträglich, weil man sich sagt, ich kann mich töten, wenn ich will. Mit so einer Hoffnung kann man fast alles aushalten.“

Weitere Werke erschienen, sie hatten mutmachende Titel wie Lehre vom Zerfall, Die verfehlte Schöpfung, Gevierteilt oder Vom Nachteil, geboren zu sein. Mit zunehmendem Alter indes legte sich Cioran eine Gelassenheit zu, die man auch als Gleichgültigkeit auslegen durfte, zumal alles darauf hinzuweisen schien, daß Veränderungen nur als Illusionen Bestand haben konnten. Mochten in der Theorie noch große Visionen möglich sein, so erwies sich die Praxis als Betätigungsfeld für fanatisierte Menschheitsbeglücker, deren jeweiliges Scheitern mit dem Aufstieg neuer Ideologen verbunden war. Ein Fortschritt in der Geschichte fand nicht statt. Cioran registrierte dies als Aphoristiker, der im gut ausgebauten Unterstand der Skepsis eine Art Hausrecht beanspruchen durfte. Statt der Verzweiflung bediente er sich des Zweifels, den er zu einer Erkenntnisinstanz machte, die für tragisch-spielerische Einsichten zuständig wurde, nicht jedoch für moralische Gewißheiten: „Die Geschichte läßt sich nicht verteidigen. Ihr gegenüber muß man mit der unbeugsamen Apathie des Zynikers reagieren, wenn man sich nicht in die Allerweltsordnung einreihen und mit den Herden der Aufbegehrenden, der Mörder und der Gläubigen zusammen marschieren will … Wenn ihre Grausamkeit befriedigt ist, werden die Tyrannen leutselig; alles würde in seine Ordnung zurückkehren, wenn die Sklaven, eifersüchtig wie sie sind, nicht ihrerseits Anspruch darauf erhöben, die ihrige zu befriedigen. Das Bestreben des Lammes, ein Wolf zu werden, ist der Anlaß für die meisten Ereignisse. Solche, die keine Fangzähne besitzen, träumen davon, welche zu haben; sie wollen auch einmal diejenigen sein, die die andern verschlingen, und es gelingt ihnen dank der rohen Kraft ihrer Überzahl. – Die Geschichte: diese Dynamik der Geopferten.“

Mit zunehmendem Alter hat sich Cioran immer mehr vom Tagesgeschäft der Verzweiflung zurückgezogen. Daß sich für sein Weltverständnis heute mehr Belange denn je finden lassen, mußte ihn nicht beeindrucken: Die Menschheit geht den Weg, den sie gehen muß, wider besseres Wissen vielleicht, aber auch mit bemerkenswerter Sturheit. Obwohl Untergangsszenarien rege Zustimmung finden, möchte man das gute alte Prinzip Hoffnung noch nicht aufgeben, dem allerdings immer weniger Anlässe vorgelegt werden, sich bestätigt zu sehen. Cioran machte keine Anstalten, einem dahinsiechenden Optimismus wieder auf die Beine zu helfen – die Zukunftsvision, die er anzubieten hat, ist dafür von boshafter Eindringlichkeit: Der Mensch bringt sich selbst um, nicht weil er zu wenig, sonder weil er zu viel weiß: „Immer wieder stellt sich die Frage, wie der Mensch enden wird. Es gibt zwei Möglichkeiten: durch Kriege oder durch inneren Verschleiß. Der Mensch ist ein Abenteurer. Und ein Abenteurer kann nicht gut enden. Ich habe eine Marotte, ich glaube, daß der Mensch enden wird, wenn man auch das letzte Heilmittel gefunden haben wird. Man kann sich vorstellen, daß die Wissenschaft eines Tages alle Krankheiten besiegen kann, und daran wird der Mensch zerbrechen. Man muß die Idee annehmen, daß der Mensch verschwinden muß. Der Mensch war von Anfang an von der Obsession des Wissens beherrscht, er hat also sein Unglück gewollt. Sein Schicksal ist klar vorausgesagt in der Genesis. Er ist Opfer seiner Wissensbegierde, das ist heute offensichtlich; er war bereits offensichtlich für den oder die Verfasser des Ersten Buches der Bibel, so daß diese ursprünglichen Wahrheiten die wahren Wahrheiten sind.“

Der Untergang, über Jahrhunderte hinweg vorbereitet, scheint unabwendbar; die Frage bleibt nur, welche Generation das zweifelhafte Vergnügen haben wird, ihn endlich und endgültig zu erleben. Eine solche Gewißheit kann mutlos machen, sie kann aber auch zu einer stabilen Gelassenheit führen. So verliert letztlich sogar der Tod seinen Schrecken, über den sich ohnehin streiten läßt. Cioran ließ die gepflegte Düsternis seiner Lebenserwartung in Heiterkeit ausklingen, die als Fortsetzung der Verzweiflung mit anderen Mitteln gelten kann: „Wenn du einen Rat von mir willst, dann nimm diesen: Wenn Du nicht mehr lachen kannst, dann kannst Du Dich töten. Aber solange Du noch lachen kannst, warte, denn das Lachen ist ein Sieg über das Leben und über den Tod, es ist ein Zeichen dafür, daß man Herr über alles ist. – Mein Vater war Priester. Einmal, nach einem Begräbnis, hat er uns erzählt, daß, nachdem man den Sarg eines jungen Mädchens ins Grab gesenkt hatte, deren Mutter in Lachen ausbrach. Das war Wahnsinn, aber es ist nicht absolut sicher, daß es Wahnsinn war. Wenn ich es auch damals nicht ganz klar begreifen konnte, habe ich doch gespürt, daß der Tod und erst recht die Beerdigung eine unerträgliche und provokatorische Tragikomödie darstellen. Die Mutter konnte etwas so Ungeheuerliches und Undenkbares nicht ertragen. Das Leben und der Tod sind ein substanzloses Schauspiel, das das Lachen rechtfertigt. Die Schöpfung ist bloß ein Vorwand des Absoluten. Das Vedanta, das tiefste metaphysische System der Inder, behauptet mit Recht, daß Gott die Welt ‚nur aus Spiel’ geschaffen hat.“

Das Leben also ein Spiel, das in der Regel tödlich endet; wer es gelassen durchsteht, ohne von größeren Schicksalsschlägen gebeutelt zu werden, darf wohl schon von Glück reden. Ein gutes Gelingen ist damit noch nicht angezeigt, zumal das Gute, wie im übrigen alles andere auch, bezweifelt werden kann. Cioran, der den Zweifel zur metaphysischen Kunstform erhoben hat, ist seinen Anfängen bis zum Ende treu geblieben. Den Erkenntnissen seiner schlaflosen Nächte bewahrte er ein ehrendes Andenken; sie begleiteten ihn, ein Leben lang, und sind auch heute noch, da ihr Urheber leider nicht mehr unter uns weilt, von erfreulich zweifelhaftem Nutzen: „Das Nichts lag in mir selbst, ich brauchte es nicht zu entdecken. Ein Vorgefühl davon hatte ich schon als Kind, durch die Langeweile, diesen Schlüssel zu abgründigen Entdeckungen. Auf einmal hatte ich dieses Gefühl der Leerheit, das Gefühl, an jenem Nachmittag, mit fünf Jahren, daß ich außerhalb der Zeit sei. Das habe ich seit damals immer wieder gespürt, es ist eine fast tägliche Erfahrung geworden.“

Gottfried Benn für Arme

Ein bitteres Adieu zum 100. Geburtstag: E.M. Ciorans brünstig-inbrünstige Aufsätze aus den Dreißigerjahren entlarven den Philosophen als braunen Schwärmer

Von Fritz J. Raddatz — Die Welt 02/04/2011

Empörend, luziferisch, ruchlos und in seiner historischen Analyse hochbrisant: E. M. Ciorans konsequenter Irrweg zum Faschismus. Das Buch macht uns zum Zeugen eines intellektuellen Selbstmords. Es ist dadurch auf verführerische Weise spannend – ein Hitchcock in Worten; denn man liest und liest (wie man des Thriller-Königs Bilder sieht) mit steigendem Gruseln, anfangs atmosphärisch gebannt, das Unheil nur ahnend. Dann begreift man, dass da ein geübter Schwimmer in kräftigen Stößen auf einen Strudel zustrebt, möchte “Halt ein, Vorsicht, der Sog wird dich hinabziehen” rufen. Doch unerbittlich ist die Konsequenz, die tötet.

Anfangs nämlich meint man noch die Wollust des Skeptizismus zu spüren, den der ältere Cioran (ab 1940 in Paris lebend) als Lehre vom Verfall zelebrierte – in mal koketten Aperçus, mal visionär-düsteren Prophezeiungen; eine lächelnde Sphinx des Montparnasse, die Freuden des Sexus und der eleganten Restaurants verachtend, die er genoss. Ein apokalyptischer Taxifahrer. Sein Hohn lustbetont und seine Endzeitvisionen mit Schalk in den Augen psalmodierend. Die irratio war sein Credo. Wie früh und wie stark – das führen diese Texte vor.

Anfangs mag man dem widersprechen, aber es ekelt noch nicht; zumal gar manche apodiktischen Sätze wie eine Eigendefinition klingen: “Ein metaphysischer Masochismus mengt Wollust in das Phänomen des Zerfalls und findet Freude im kosmischen Chaos.” Sein Misstrauen gegen weltgeschichtliche Lösungsangebote des puren Rationalismus ist ja bedenkenswert. Durchaus finden sich da Warntafeln, die ebenso gut der Künder eines Märchen-Marxismus, also Ernst Bloch, aufgestellt hat – der ja das Versagen des Kommunismus vis-à-vis dem herannahenden Nationalsozialismus mit eben diesem Manko beschrieb, dem Außerachtlassen der Psyche des Menschen.

Dieses Cioran-Dekret ist Bloch pur: “Der Rationalismus hat keine eigene Kraft, sondern ist reine Formungstätigkeit; er will dem Menschen ein geschlossenes Weltbild bieten, will Werteordnungen aufstellen und dem Verhalten im Leben eine Richtung geben.” So weit, so – noch – gut. Selbst die Analyse der Dürer-Melancholie als einer ohne jede Heiterkeit, vulgo: deutsch-schwermütig, will man als Offerte passieren lassen, tradierte Zeichen neu zu lesen; zumal, wenn das Italische als Gegensatz begriffen wird: “Die Unruhe der gotischen Seele hat Versöhnung und Gleichgewicht nie gefunden. (…) Und dann versteht man, warum in Italien die Melancholie durch ein Lächeln gemäßigt und im Norden durch schmerzhafte Anspannung verschärft wird. In Dürers Melencolia fehlt jeder Ausdruck von Ironie…”

Doch schon fällt Cioran sich ins Wort, rügt etwa das “anarchisch gewordene Bewusstsein Kokoschkas”, der “den seelischen Halt des Menschen zerstört (…), um sich in einen absurden Elan zu stürzen, in dem das Chaos Norm und der Wahnsinn Absicht ist. (…) Kokoschkas Kunst ist ein Ausdruck des Seelenzerfalls”. In schnellen Stößen geht es auf den Strudel zu. Noch denkt man einen Augenblick, gut gut, das hätte auch Thomas Mann (in den “Betrachtungen”) schreiben können. Wenn die deutsche Tiefe – “nicht nur Inbrunst, sondern auch Mannigfaltigkeit der Ebenen” – gepriesen wird: da schlagen die Wellen schon hoch, da wird der “unbeherrschbare innere Dynamismus” gefeiert, der “alles, was die Deutschen schufen, atmet”: da wird, wir schreiben November 1933, von “schicksalhafter Entwicklung” und “wesenhaften Lebensformen” gefaselt. Gottfried Benn für Arme. Tatsächlich erinnert manch Fanfarenklang an die Benn-Infamien. Nicht nur in kurzen (Um-)Denkbefehlen à la “Die Zeit ist gekommen, da man den Irrationalismus nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Politik ausrufen muss” oder “In dieser Welt dürfen nur die maßlosen Menschen geliebt werden”, sondern auch in sorgfältig ausformulierter Gregorianik: “Es nötigt Bewunderung ab, wenn man sieht, wie ein Regime, um sein Dasein zu rechtfertigen, das Recht verändert, die Religion umwandelt, der Kunst eine andere Richtung gibt, eine andere Perspektive der Geschichte konstruiert, drei Viertel der anerkannten Werte brutal beseitigt, rasend verneint und dabei vor Enthusiasmus pulst.”

Wir haben es nicht zu tun mit einem pubertären Augenaufschlag. Cioran ist 1933/34 immerhin über zwanzig, Sohn eines Priesters, ehemaliger Gymnasiast und Philosophiestudent (mit einem Berlin-Stipendium), hochgebildet, rundum belesen, Kenner der Klassiker wie der Philosophen von Kant bis Nietzsche. Er hat sich wie in Hypnose in einen Denk-Rausch versetzt, der sämtliche hirnlichen Maßstäbe verwirft, um eine Heilserwartung herbeizuphantasmagorieren, die vor Anbetung der Schändlichkeit nicht zurückschreckt. So wenig wie vor einem Weihe-Klingeling obskurer Sektenbroschüren, in denen von “Sendung”, “geschichtlichem Gipfel”, “Schicksal” und “schöpferischer Barbarei” gefaselt wird. Gleich einem zu kurz gekommenen Masturbanten schwitzt dieser junge Rumäne: “Wenn mir etwas an den Anhängern Hitlers gefällt, so ist es der Kult des Irrationalen, die Verherrlichung der Lebenskraft als solcher, das mannhafte Ausgreifen der Kräfte, ohne kritischen Geist, ohne Vorbehalte und ohne Beherrschung.”

Ein geistiger Missbrauchsskandal. Hier hat kein Priester einem Knaben an die Hose gefasst, hier hat ein fanatischer Hohepriester allen Denkenden ins Gehirn gespuckt; das eigene Denken hat er am Koppelschloss von Hitlers Hose abgegeben: “Es gibt keinen Politiker in der heutigen Welt, der mir größere Sympathie einflößt als Hitler. (…) Die Führer-Mystik in Deutschland ist völlig gerechtfertigt. (…) Das Verdienst Hitlers besteht darin, einer Nation den kritischen Verstand geraubt zu haben.” Das erschien am 4. Juli 1934. Eine Woche später wurde Erich Mühsam im KZ Oranienburg ermordet. Gehörte er für Cioran zu “solchen Menschen, denen das Leben zu nehmen, das Blut solcher Bestien zu vergießen, eine Pflicht ist”? “Was hat die Menschheit verloren, wenn einigen Schwachsinnigen das Leben genommen wurde?”, fragt er in einem “Brief aus Berlin” vom 15. Juli 1934 einige Zeilen zuvor und fügt an: “Der Ekel vor dem Menschen erfährt eine dermaßen schreckenerregende Rechtfertigung, dass der Tod einiger Nullen nicht beeindrucken kann”. Damit rechtfertigt er die Ermordung Röhms; und wessen Ermordung noch?

Ach, man mag es eigentlich gar nicht lesen noch kommentieren, diese schreckenerregende Ungeheuerlichkeitssuada, die in immer neuen Ansätzen eine kniefällige Willfährigkeit anstimmt für den Choral “Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die für Hitler größere Bewunderung hegen als ich”. Der Verzückungswahn gibt sich meist erhaben und heroisch – “Die Menge will, dass ihr befohlen werde” – und hat doch auch etwas Verschwiemeltes; zumal wenn Cioran, der später durch die nächtlichen Pariser Straßen nach Abenteuern ausspähend schnürt, auch noch eine saubere Sexualmoral fordert. Seine an Dix gemahnenden Zeichnungen von Bordell und Syphilis verraten die zitternde Hand einer Betschwester, die allerdings statt himmlischer Erlösung die Sehnsucht nach Diktatur herbeisingt. Widrige Jauchzer. Ciorans Lobpreis der Militärmusik als Begleitung von Ekstasen gipfelt in der bizarren conclusio “Adam ist Feldwebel gewesen”.

Damit verglichen, ist der Heldendiarist Ernst Jünger eine Dumpfbacke; der hassheisere Céline ein Herzchen und Ezra Pound ein Poesiealbumdichter. So manche Philosopheme des seine spätere Wahlheimat Frankreich verhöhnenden Hitler-Mannen lesen sich erhaben – und sind doch nur töricht: “Der Individualismus führt zu Atomisierung. … Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung.”

Cioran hat mit diesen frühen Ergüssen Goyas Capriccios zerfetzt, von denen eines der eindringlichsten betitelt ist “Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer”. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch nie gelesen. Eine grässliche Lektüre. Fragen muss ich mich allerdings: Muss man auch andere Bücher von Cioran ganz neu, ganz anders lesen? Sind vielleicht viele der so gepriesenen Aphorismen, deren Schnippischkeit man bewunderte und deren rasiermesserscharfe Seelenchirurgie man gar köstlich fand – sind auch die nicht ein Nachhall seiner Paukenschläge gegen Vernunft, Ratio, Denken? Ich finde Unterstreichungen von mir etwa in dem Band “Geschichte und Utopie”, die diesen Verdacht durchaus nähren.

Damals nahm ich derlei wohl für Oscar-Wilde-Keckheiten, wenn ich las, man betreibe bitte seine Angelegenheiten besser aus Eifersucht und Raubgier als aus Edelmut und Selbstlosigkeit. Heute kann ich das nicht mehr graziös finden und Ciorans Menschenekel, mit dem er “Wir Maniaken der Fortpflanzung” schimpft, mit dem er alle und alles verachtet, scheint mir mehr kokett als profund. Hochmütig dekretiert der Homme-à-Femmes: “Die Vervielfältigung unserer Artgenossen grenzt ans Ekelhafte; die Pflicht sie zu lieben an Verschrobenheit.” Gewiss applaudierte man – “man”? Ich – solch tänzerischer Frivolität auch, weil man sie in den 60er- und 70er-Jahren, also der Zeit von Kommunenmief und barbusiger Distanzlosigkeit, als amüsantes Vexierspiel begriff. “Eine Welt ohne Tyrannen wäre ebenso langweilig wie ein Zoologischer Garten ohne Hyänen” – solche apodiktischen Frechheiten meinte man (während man etwa den Schah bekämpfte) als nicht ernst gemeint goutieren zu dürfen; als geäußert in dem, was in Frankreich “le deuxième degré” heißt – will sagen: geäußert mit dem Augenzwinkern stiller Übereinkunft, als sei es nicht ernst gemeint. Niemand wusste doch, wie brünstig-inbrünstig Cioran tatsächlich einen Tyrannen lobpreisend besungen hatte.

So wurde auch sein Hauptwerk “Lehre vom Zerfall”, ins Deutsche übersetzt immerhin von Paul Celan, als etwas kesse Verlängerung von Walter Benjamins Begriff der Geschichte als Katastrophe verstanden; bei Cioran hieß es eben “Die Geschichte hat keinerlei Sinn” oder “Weltgeschichte – Geschichte des Bösen”. Das las eine jüngere Generation keineswegs als Affirmation; vielmehr im Gegenteil: Diese Jugend, ob in San Francisco oder kurz darauf in St. Germain hatte ja den Impuls, das Böse aus der Geschichte zu bannen, einen Fortschritt zu versuchen. Während in dieser viel zitierten, aber wohl weniger verstandenen “Lehre vom Zerfall” Geschichte als “Massenmanufaktur von Idealen” denunziert wurde und die Wirklichkeit als “tödliche Fiktionsgier”, brach in weiten Teilen der Welt, fast wie eine Grippe-Epidemie, der Glaube an Veränderbarkeit aus. Die Leitersprossen dieser möglichen Veränderung verlachte unser Mansarden-Genie: “Gestern, heute, morgen – lauter Kategorien für Dienstboten.” Was habe ich, lachend, bei gutem Wein, mit Cioran über diese seine Hirn-Pirouetten gestritten, ihm einmal angeboten, dann halt mit Vergnügen sein Dienstbote zu sein. Dass er tief in der Gedankenpampe von Blut und Boden und Mythos und Sendung und völkischem Schicksal stak – das hätte ich niemandem geglaubt; am wenigsten ihm selber.

Das Alter ist erbarmungslos – nicht nur galoppiert das Totenbataillon verstorbener Freunde vorbei: von Hubert Fichte bis Paul Wunderlich, von Thomas Brasch bis Walter Kempowski. Nun heißt es ein zweites Mal Abschied nehmen vom Gefährten E. M. Cioran; es war wie geistige Nähe, kein Paris-Aufenthalt ohne Abende, manchmal Nächte mit ihm, der mir so luzide schien in seiner heiter illuminierten Finsternis, seinen gleißenden Blitzen. Ich wusste damals nicht, dass die SS-Runen geraubt waren. Bitteres Adieu.

Die Sehnsucht nach dem Tyrannen

E. M. Cioran: Über Deutschland. Aufsätze aus den Jahren 1931-1937.Aus dem Rumänischen von Ferdinand Leopold. Suhrkamp, Berlin. 232 S. 17,90 Euro.

Der Verzicht auf Freiheit: Über Deutschland (1937)

E. M. Cioran
Über Deutschland – Aufsätze aus den Jahren 1931–1937
Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ferdinand Leopold
Suhrkamp, Berlin 2011

Von E. M. Cioran (www.faust-kultur.de)

Von jeher haben die Menschen nach Freiheit gestrebt und sich gefreut, sooft sie sie verloren. Mehr noch. Sie haben verzweifelte Anstrengungen unternommen, sie zu verlieren. Anders lassen sich das rasende Bestreben, liberale Herrschaftsformen aufzulösen, und das leidenschaftliche Schwärmen für die Diktatur nicht erklären. Der Freiheitsüberdruß ist eine der schwerstwiegenden und verstörendsten Erregungen, die der Mensch erfahren kann, weil dieser, da ihm die Achse im Innern seines Wesens fehlt, sich durch das, was er nicht ist, zu retten versucht. Sogar in den Schreckensherrschaften ist sich der Mensch seiner selbst sicherer als in den Phantasien der Demokratie. Denkfaulheit und die Angst, sich in der Welt monadisch abzukapseln, lassen ihn mit Freude und behaglicher Ergebung die Imperative und die Befehlsgewalt der Diktatoren hinnehmen. Eine Epoche unumschränkter Freiheiten, »aufrichtiger« und äußerster Demokratie, die sich unbestimmt verlängerte, wäre der unvermeidliche Zusammenbruch der Menschheit. Die Sterblichen haben nur die mit Leidenschaft geliebt, von denen sie geknebelt wurden. Und wen haben sie zum Mythos gemacht? Die Henker ihrer Freiheit.

Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die für Hitler größere Bewunderung hegen als ich. Und ich will ihm nichts von seinem monumentalen Nimbus nehmen, wenn ich an die ironische Beobachtung erinnere, die ich machte, sooft ich ihn von der Menge umjubelt sah. Dann schien mir, daß alle diese Sterblichen die Hand zu ihm erhoben, um ein Joch zu erbitten, unter das sie alle passen könnten, und nach einer Strafe lechzten, die nicht auf sich warten lassen dürfte. Ein Diktator hat die Seele eines messianischen Henkers, von Blut und Himmel befleckt.

Die Menge will, daß ihr befohlen werde. Die erhabensten Visionen und Ekstasen, mitgeteilt durch Engelsflöten, können sie nicht so in Bewegung setzen wie ein Militärmarsch. Adam ist Feldwebel gewesen. Wie konnten wir alle nicht verstehen, daß es kein größeres Unglück für die Menschen gibt, als wenn sie genötigt werden, zwischen Gut und Böse zu wählen? Wenn alle Probleme beseitigt würden, dann könnten sie die Freiheit bis zuletzt hinnehmen, doch solange sie die Qual des Denkens und des Unlösbaren drückt, gehen sie in der unendlichen Sahara der Freiheit unter.

Nach der Diktatur sehnen sich insbesondere zwei gegensätzliche Arten von Menschen. Einerseits der ewige und unverantwortliche Pöbel und andererseits vereinzelte Geister, die sich aus einem Übermaß an Verfeinerung und Problematisierung für keinen Wert mehr entscheiden können und sich dem Strom von Ansichten überlassen, den diktatorische Energie und diktatorischer Imperialismus erzeugen.

Jeder, der das Bauerntum unseres Landes mit seiner einfachen und unentwickelten Psychologie ein wenig kennt, muß mehr denn überzeugt davon sein, daß es nichts anderes erwartet, als von der Freiheit, von allen ihren Fiktionen und Illusionen entgiftet zu werden. Ein wahrer Schrei nach Diktatur und ein unbezwinglicher Haß auf eine sinnlose Freiheit. Für diejenigen Gesellschaftsschichten, die nicht unmittelbar an der Geschichte teilhaben, gibt es keine größere Tragödie als die Demokratie. Im Weltprozeß ist das Bauerntum in ein Werden hineingezogen worden, mit dem es nichts verbindet. Die Demokratie vermochte das Bauerntum nicht zu einer Wirkkraft der Geschichte zu machen, so daß der ewige Pöbel zu einer Verantwortung verpflichtet wurde, zu der er sich nicht wesenhaft berufen fühlt. Die Bauern möchten, daß alles über ihre Köpfe hinweg entschieden werde, und so ist die Diktatur ihr irdisches Paradies. Wenn sie wissen, daß ein Mensch, ein einziger, für sie denkt, leidet und sich einsetzt, unter der Bedingung, daß sie auf die Illusion ihrer Individualität verzichten, wird keiner von ihnen zaudern, diese Illusion zu opfern. Die ahistorische Menge hat nur ein einziges Ideal: den Verlust der Freiheit. Andere sollen Verantwortung übernehmen; sie will nicht urteilen, und aus Angst vor Anarchie begeistert sie sich für die Schreckensherrschaft. Im übrigen würde sich ohne die Intoleranz der Anführer so eine Gesellschaft in weniger als einem Tag in eine Schar Kannibalen verwandeln und sich bis zum Tagesende durch Selbstzerfleischung zum Verschwinden bringen.

Von allen Werten, zu denen sich die Menschheit bekannt hat, »verschleißt« sich keiner stärker als die Freiheit. Die Empfindung der Unzuträglichkeit wird dramatisch. Und so ist bei den Intellektuellen unserer Zeit eine sonderbare Unterwerfungswut, eine Notwendigkeit der Verblendung, eine Wollust des Niederkniens entstanden. Niemand will mehr frei sein. Darin muß der Ursprung der Leidenschaft für die Rechte oder die Linke gesucht werden.

Die Rhythmik der Weltgeschichte ist nichts als das Schwanken zwischen Freiheit und Terror. Jede Epoche erfährt kraft der schicksalhaften Einseitigkeit des eigenen Prinzips eine innere Verneinung. Die Freiheit hat die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht und erfährt in ihrem Exzeß ihre Verneinung. Wer den Fluch der Freiheit nicht versteht, kann sich in den zeitgenössischen Diktaturen nicht zurechtfinden. Die Rechte und die Linke werden auf den Trümmern der Freiheit errichtet.

Auf diesen Trümmern werden auch die Mythen errichtet.

Der Individualismus führt zu Atomisierung. Aber in der Atomisierung kann nichts Wirksames mehr geschaffen werden. Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung. Und da alle Ideale eine Nichtigkeitsäquivalenz haben, warum sollte der Wille eines einzigen Ideals eine einzige Ordnung der Geltungen durchsetzen! Bedeutet es denn, daß nur diesewahr sind? Nein, sondern nur: fruchtbar. Ein Politiker auf der Suche nach derWahrheit ist eine Ungeheuerlichkeit. Vielmehr findet der Politiker stets einigefruchtbare Fiktionen, die er mit Naivität oder Schlauheit als Wahrheiten durchsetzt. Glaubt denn jemand ernstlich, der Hitlerismus sei »wahr«? Theoretisch läßt er sich lächerlich machen. Praktisch haben seine Formeln ihre Wirksamkeit und ihren Wert bewiesen. Übrigens sind Historismus und Fiktionalismus korrelativ. Die Wahrheit ist übergeschichtlichen Wesens, und das Werden ist nichts als eine Wiege der Täuschungen.

Je mehr Schwäche jemand für die Ewigkeit hat, desto weniger ist er Politiker. Es gibt aber manche, bei denen ein exzessives Verstehen des Transhistorischen sich mit einem besonderen politischen Instinkt verbindet. Sie sind zeitlebens dazu verurteilt, zwischen Eitelkeiten und Transzendenz zu schwanken, zwischen regelmäßig wiederkehrenden Anfällen von Verklärung und Trivialität. Das Leben ist im übrigen nur für Menschen aus einem Guß, eingefleischte Dummköpfe und Anbeter der ewigen Dummheit gemacht. Einem in himmelblauen Trauerflor eingehüllten Herzen ist das Schauspiel der Welt durch ontologischen Überdruß, eine feinstoffliche Klosterlangeweile oder eine elementare Bordellangeweile entstellt. Alle Klarsichtigkeit ist verbrecherisch. Deshalb: Die Diktatur komme!

Der große Vorteil der Diktatur ist, daß man individuell nichts riskiert; es ist kollektiver Aufstieg oder Absturz. Und es ist überaus aufschlußreich, daß jene Menschen sich zur Diktatur bekennen, die ihr persönliches Schicksal anwidert. Sie wollen kein Schicksal mehr haben. Kein Einzelschicksal.

Hitler und Mussolini werden von all jenen Menschen angebetet, die ihr Selbst mit Freuden aufgegeben haben. Wenn man es nicht mehr für bedeutsam hält, die Illusion der Individuation zum Mittelpunkt seiner selbst zu machen, hebt man sich durch den Kult des Mythos geistig auf, und somit ist die Diktatur ein politischer Triumph und eine geistige Niederlage.

Um die Diktatur zu verstehen, muß man Zynismus und Enthusiasmus richtig zusammenzusetzen wissen. Sonst wird das ganze Leben zu einer Reihe von Überraschungsvariationen auf der Tonleiter des Schwachsinns. Machiavelli, die französischen Moralisten und in unseren Tagen Spengler sind die einzige Schule, in der man lernen kann, sich nicht lächerlich zu machen. Wenn sich viele Menschen einem beliebigen Glauben verweigern, tun sie dies aus Furcht vor dem Lächerlichen, diesem Laster der Intelligenz. Die Diktatur löst diese Probleme und Unruhen dadurch auf, daß sie sich nicht mehr dafür interessiert, daß sie die Beschäftigung damit nicht mehr erlaubt. Brutalität ist die einzige Lösung für die Desillusionierung der Intelligenz. DieW elt von heute sieht sich vor die Wahl gestellt zwischen Paradoxon und Militärmarsch, zwischen dem Mißbrauch der Intelligenz und einer Vorahnung von Stärke. Und sie hat ihre Wahl getroffen. Nur Rumänien verharrt an der Schwelle der letzten Entscheidung.

Auszug aus: E.M. Cioran, Über Deutschland, Aufsätze aus den Jahren 1931-1937, Berlin 2011 © Suhrkamp Verlag

Der lange Atem der Denunziation: Emil Cioran und die Securitate

28.04.2010 ·  Ein halbes Jahrhundert lang haben rumänische Geheimdienste den Philosophen und Schriftsteller Emil Cioran in seinem Pariser Exil bespitzelt. Eine Studie deckt überraschende Details über den einstigen Hitler-Bewunderer auf.

Von JOSEPH CROITORU — Frankfurter Allgemeine

In Rumänien stürzt man sich nach wie vor begierig auf alles, was die Machenschaften der einstigen kommunistischen Staatssicherheit transparenter macht. Erst recht, wenn es mit rumänischen Kulturgrößen wie dem Philosophen Emil Cioran (1911 bis 1995) zu tun hat. Obgleich sie noch nicht einmal erschienen ist, sorgt eine Studie, die sich mit den Securitate-Akten über Cioran befasst und demnächst in dem angesehenen rumänischen Verlag Polirom veröffentlicht wird, schon seit Tagen im Land für Schlagzeilen. Ihr Verfasser, der rumänische Historiker Stelian Tanase, soll mehrere Jahre Forschungsarbeit in das Projekt investiert und dafür die Archive des rumänischen Geheimdienstes durchforstet haben.

© CINETEXT BILDARCHIV
Hitler (2.v.r.) empfing 1943 den Staatsführer Marschall Ion Antonescu (l.). Dieser hatte zwei Jahre zuvor den antisemitischen Cioran observieren lassen

Dass Cioran, der schon 1937 nach Paris emigrierte und im Winter 1940/41 sein Heimatland zum letzten Mal besuchte, als Sympathisant der faschistischen rumänischen Eisernen Garde später von den Kommunisten in Frankreich beobachtet wurde, überrascht wenig. Dass aber auch schon das Antonescu-Regime in den Jahren 1941 und 1942 den antisemitischen Hitler-Bewunderer Cioran observierte, ist neu. Offenbar hing dies mit seinem Posten als rumänischer Kulturattaché zusammen, den er unter dem Vichy-Regime im Jahr 1941 für einige Monate innehatte, aber bald verlor, weil ihn seine politischen Sympathien der rumänischen Regierung suspekt gemacht hatten – Staatschef Antonescu war zu jener Zeit damit beschäftigt, die Eiserne Garde auszuschalten.

Angst vor dem literarischen Ende

Seine faschistisch angehauchte Vergangenheit, die er noch Jahrzehnte nachher verschwieg, machte den rumänischen Schriftsteller für den Geheimdienst des späteren, kommunistischen Rumänien erpressbar. Die Securitate, die zahlreiche rumänische Exilanten bespitzelte und auch bedrohte, hatte den Auftrag, antikommunistische Agitation seitens der Exilgemeinde um jeden Preis zu verhindern. So geriet auch Cioran, der trotz seiner relativen Zurückgezogenheit in Paris eine bekannte öffentliche Person war, in ihr Visier. 1954, nachdem in den Jahren zuvor seine Familienangehörigen in der Heimat schweren Verfolgungen ausgesetzt gewesen waren, legte die Hermannstädter Geheimdienstbehörde eine Akte unter dem Decknamen „Ciobanu“ über ihn an. Seit diesem Zeitpunkt musste Cioran, zumal sein Name in einem großen Schauprozess gegen rumänische Intellektuelle 1960 wiederholt auftauchte, damit rechnen, dass die Kommunisten seine früheren politischen Neigungen publik machen würden, wodurch seine literarische Karriere im Nachkriegsfrankreich schnell beendet worden wäre.

Dass solche Drohungen ernst gemeint waren, demonstrierte die Staatssicherheit noch im selben Jahr, als sie die faschistischen Jugendsünden des sich unkooperativ zeigenden rumänischen Exilschriftstellers Vintila Horia der französischen Presse zuspielte. Horia musste auf den ihm kurz zuvor zugesprochenen Prix Goncourt verzichten, der Preis wurde nie an ihn verliehen, sein Ruhm als Literat war in Frankreich dahin. Und auch Cioran mied noch Jahre danach wohlweislich jeden Kontakt mit ihm.

Mit Codenamen zum Zielobjekt

1965 wurde der Philosoph als noch größeres Sicherheitsrisiko eingestuft und war von nun an Ziel der berüchtigten „persönlichen Überwachung“. Zahlreiche Informanten meldeten der Securitate seine Aktivitäten, jeder einzelne seiner nach Rumänien geschickten Briefe wurde geöffnet, sämtliche seiner dort eingehenden Telefonate abgehört. Mit der Annäherung Rumäniens an Frankreich Ende der sechziger Jahre trat eine Wende ein, Ciorans mittlerweile unter dem Namen „Chiru“ geführte Akte war erst einmal stillgelegt. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre wurde er jedoch erneut zum Zielobjekt des rumänischen Geheimdienstes.

Jetzt versuchten die kommunistischen Schergen Ciorans schon früher schwer betroffenen Bruder Aurel – er hatte in der Nachkriegszeit sieben Jahre im Gefängnis zugebracht – für ihre Zwecke einzuspannen. Er sollte Emil zu einer Reise nach Rumänien oder gar zur Rückkehr bewegen – dies wäre für die Kommunisten ein propagandistischer Coup gewesen, der jedoch nicht gelang. Offenbar als Teil eines Tauschgeschäfts erhielt Aurel 1981 die Erlaubnis, seinen Bruder in Paris zu besuchen; wohl unter der Auflage, nach seiner Rückkehr dem Geheimdienst Bericht zu erstatten. Der zuständige Offizier blieb misstrauisch: „Durch weitere Informanten und Abhörtechnik zu verifizieren“, vermerkte er lakonisch in der neuerlich umbenannten Geheimdienstakte Emil Ciorans, die nun den Codenamen „ENE“ trug.

Empörung über kommunistische Umsiedlungspolitik

Die darin enthaltenen Unterlagen aus den achtziger Jahren zeugen von einem Cioran, der wohl aufgrund der sich häufenden Übergriffe der Securisten auf Exilrumänen noch vorsichtiger geworden war. Selbst zu seinen engsten Vertrauten in Rumänien pflegte er nur noch losen Kontakt. Umso mehr musste die Securitate jetzt auf ihre Spitzel vertrauen, die häufig als Diplomaten oder Journalisten getarnt waren. Einer der eifrigsten unter ihnen lieferte noch im November 1988 einen zehnseitigen Bericht über seine Begegnung mit dem Philosophen. Ausgangspunkt des Gesprächs war Ciorans Empörung über die Folgen der aggressiven kommunistischen Umsiedlungspolitik.

Der Agent brüstete sich indes damit, seinen Gesprächspartner schließlich doch vom Nutzen dieser Maßnahme für die Modernisierung des Landes überzeugt zu haben. Sogar der Behauptung, die westliche Presse habe sich gegen Rumänien verschworen, habe Cioran dann zugestimmt und ein Beispiel dafür genannt. Der im Zusammenhang mit der vermeintlichen antirumänischen Verschwörung von dem Philosophen nun angeschlagene antisemitische Ton kam bei dem Denunzianten wohl auch vor allem deshalb gut an, weil er sich jetzt als überzeugter Antisemit zu erkennen geben konnte.

Ein zu positives Bild von Rumänien

Cioran berichtete ihm nämlich von dem Fall einer amerikanischen Journalistin ungarisch-jüdischer Herkunft, deren Recherchen zu Rumäniens Judenpolitik im Zweiten Weltkrieg nicht zu dem von ihr erwarteten Ergebnis geführt hätten. Weder hätten sich Hinweise auf angeblich schon damals unter den Rumänen verbreitete Vernichtungsgedanken gefunden, noch hätten ihre Nachforschungen die offiziellen Opferzahlen von mehreren hunderttausend ermordeten rumänischen Juden bestätigen können. Die Zeitschrift habe ihren Bericht deshalb nicht drucken wollen, weil er ein zu positives Bild von Rumänien vermittelt hätte: „Es war nicht einmal vom kommunistischen Rumänien die Rede“, soll Cioran aufgebracht bemerkt haben, „sondern von Rumänien im Allgemeinen, also vom rumänischen Volk!“

Daraufhin zeigte Ciorans Gegenüber seine antijüdische Gesinnung noch offener. Der Agent lamentierte über die viel zu große Zahl jener Rentenempfänger im Land, die von den „imaginären Verfolgungen“ während des Krieges noch immer profitierten. Nicht die lächerlich geringen Rentenzahlungen, erwiderte Cioran, seien das Problem, das die Rumänen bekämpfen sollten. Dass er hier wohl den Vorwurf meinte, Rumänien sei mitschuldig an der Judenvernichtung, versteht sich erst aus dem Zusammenhang. Denn mittlerweile schien es sich um ein Gespräch zwischen zwei Gleichgesinnten zu handeln, zumal der Informant Ciorans Äußerungen in seinem Bericht nicht unkommentiert ließ. Er hege den Verdacht, schrieb er, es sei Cioran selbst gewesen, der besagte Journalistin zu den Recherchen angestiftet und ihr suggeriert habe, dass die hohen Opferzahlen eine reine Erfindung seien.

Distanz zu früheren judenfeindlichen Äußerungen

Wo in solchen Informantenberichten die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit verläuft, wird kaum auszumachen sein. Aus der Forschung ist indes bekannt, dass rumänische Geheimdienstspitzel nicht selten in ihren Berichten ideologische Bekehrungserfolge vortäuschten. Trotz dieser Problematik werfen die erwähnten Bezugnahmen auf den Holocaust in Rumänien nicht nur ein Licht auf die Verbreitung antijüdischer Einstellungen in Securitate-Kreisen. Sie könnten auch die seit einigen Jahren schwelende Debatte über Ciorans Antisemitismus wieder anheizen, zumal der Philosoph gerade Ende der achtziger Jahre sehr bemüht war, sich von seinen früheren judenfeindlichen Äußerungen öffentlich zu distanzieren.

Eine erneute Diskussion müsste auch dem Umstand Rechnung tragen, dass die rumänische Akademie der Wissenschaften im vergangenen November den Philosophen – neben dem rumänischen Theaterautor Eugène Ionescu – postum zu ihrem Ehrenmitglied erklärte. Tanases Studie birgt indes noch weitere neue Erkenntnisse. So steht jetzt fest, dass Cioran auch nach dem Sturz des Ceausescu-Regimes noch fast ein halbes Jahr lang in den Augen der Staatssicherheit als Gefahr galt. Erst am 5. Mai 1990 schloss der zuständige Offizier M. Vasiliu die Akte mit dem Vermerk, an dem mittlerweile 79 Jahre alten „ENE“ bestehe kein „operatives Interesse“ mehr.

Autorenporträt E. M. Cioran II: Die Freiheit des Zweifelns

Geschrieben von: Johannes Schüller

Blaue Narzisse, Montag, den 07. Mai 2012 um 09:47 Uhr

Das 1918 entstandene „Großrumänien“ hatte nicht die besten Voraussetzungen. 25 Prozent der Bevölkerung bestanden aus Minderheiten, darunter Deutschen, Ungarn, Ukrainern oder Bulgaren. Dass dieses Reich nur von kurzer Dauer sein konnte, bewies der Hitler-Stalin-Pakt 1940. Trotz der deutschfreundlichen Regierung unter General Ion Antonescu verteilte Hitler rumänisches Territorium an die Sowjetunion und Ungarn. Antonescu führte ein Jahr später das Land in den Krieg gegen die Sowjetunion, er war von Hitlers schnellem Sieg in Frankreich überzeugt. 1947 verwandelte die Sowjetunion das Land in einen Satellitenstaat. Rumänische Intellektuelle flüchteten ins Pariser Exil, darunter Cioran selbst sowie seine Freunde, der Religionsphilosoph Mircea Eliade und der Autor und Maler Eugen Ionescu.

Aversionen gegen Nietzsche

Ciorans späteres Bekenntnis zu Frankreich, dessen „Kultur des Stils“ er 1933 in seinem Essay „Deutschland und Frankreich oder die Illusionen des Friedens“ als Gegenspieler des deutschen, organischen Denkens und dessen „Mystik” und „Tragik“ verdammte, markiert ab 1945 auch den grundlegenden Wandel in der ontologisch fundierten Philosophie des Rumänen. Während er anfangs in Paris ? unter dem Vorwand einer Doktorarbeit ? die Vorzüge seines Stipendiums auskostete, entwickelte Cioran schließlich grundlegendes Interesse an der französischen Sprache. In diese Zeit fällt auch seine Auflehnung gegen den eigenen Vitalismus der rumänischen Jahre. „Wir haben mit Nietzsche an den ewigen Bestand der Rauschzustände geglaubt; dank der Reife unseres Zynismus sind wir weiter gegangen als er. Die Vorstellung vom Übermenschen erschien uns nur noch als ein Hirngespinst (…)“, heißt es in den 1952 erschienenenSyllogismen der Bitterkeit. Trotzdem wäre es falsch, Cioran lediglich als radikalsten aller Nihilisten zu begreifen. Vielmehr suchte er immer wieder nach den „blinden Flecken“ im Denken Nietzsches: Dazu gehört auch die Gefahr einer absoluten Verherrlichung des ungeschminkten, realen Lebens, wie sie der spätere Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse 1886 praktizierte. Ebenso passt es zum widersprüchlichen Denkens Ciorans, dass er die Charakterisierung als „Nihilisten“ klar ablehnte. Die Künstlerin Lea Vergine erinnerte sich an ihn als eines der „heitersten Wesen, das man sich in Gesellschaft vorstellen kann.“

Ein Aphorismus aus der Werkauswahl Cahiers 1957 ? 1972 trifft wohl am ehesten den philosophischen Wandel Ciorans nach 1945: „Jeder uralte Mensch, der sein Leben zusammenfaßt, kann sich ebenso sagen: ‘Ich bin zufrieden damit, existiert zu haben’, wie auch: ‘Es wäre besser gewesen, nicht geboren zu sein’. Beide Reaktionen sind gleichermaßen legitim und gleichermaßen tiefgründig (Hervorhebung im Original, J. S.).“ Skeptische Gleich-Gültigkeit statt nihilistischer „Umwertung aller Werte“: Darin mündet Ciorans antiutopische Kehrtwende.

Der Widerspruch Leben bleibt unauflösbar

Im Vitalismus, resümiert Bollon, erkannte Cioran die Gefahr „einer Entfesselung der zerstörerischsten Kräfte gegen die Verfechter jeder ‚Sklavenmoral?, das heißt der Monotheismen und insbesondere des Judaismus.“ So erscheint es nur folgerichtig, dass er sich ebenso gegen die totalitäre Versuchung wie gegen jeden Glauben, insbesondere an einen der Geschichte impliziten Fortschritt, wendet. Heilmittel gegen das Nichts ist für Cioran in erster Linie der schnörkellose, sich stets revidierende aphoristische Stil und das Aushalten des unauflösbaren Widerspruchs Leben. Darin zeigt sich ihm zugleich das zauberhafte, geheimnisvolle Wesen einer trügerischen Existenz. „Es gibt keine andere Welt. Es gibt nicht einmal diese Welt. Was gibt es dann? Das innere Lächeln, das die die offenkundige Inexistenz der einen und der anderen in uns hervorruft“, lautet ein Aphorismus aus Gevierteilt von 1979.

Zugleich erlebt Cioran in der physisch und psychisch drastischsten Form, nämlich der Krankheit, wie machtlos der Mensch gegenüber dem Stigma der Existenz bleibt. Seit seinen Jugendjahren quälte ihn die immer wiederkehrende Schlaflosigkeit und es ist nicht vermessen, darin einen Grundeinfluss auf sein Denken zu sehen. „Der Schlaflose weiß, im Unterschied zum Kritischen, daß er nicht der Herr seiner Prämissen ist“, betont Sloterdjik im Blick auf Ciorans Denken.

Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist“

In diesem absoluten Gefühl der Ohnmacht und der aus Lebensreife gewonnenen Skepsis gegenüber jeder Erlösungsidee liegt der reaktionäre Zug des Cioranschen Denkens. „Man ist und bleibt so lange ein Sklave, bis man vom Hoffnungswahn geheilt ist“, heißt ein anderer Aphorismus aus Gevierteilt. Wir wissen nicht, welches Urteil Cioran angesichts der neuen Erlösungsideologien, der heraufziehenden Biotechnik, der Selbstauslöschung des Abendlandes und den Utopien der sich globalisierenden Welt getroffen hätte. Die Philosophie des 1995 verstorbenen Verneiners verweigerte jeden prophetischen Gestus. Uns aber bleibt die Freiheit des Zweifelns.

Zum ersten Teil des Artikels von Johannes Schüller geht es hier.

Sekundärliteratur:

Bollon, Patrice: Cioran, der Ketzer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006.

Kinzel, Till: Autorenporträt Emil Cioran. In: Sezession Nr. 16 vom Februar 2007. Schnellroda.

Kubitschek, Götz: Eiserne Garde. In: Sezession Nr. 16 vom Februar 2007. Schnellroda.

Mattheus, Bernd: Cioran. Portrait eines radikalen Skeptikers. Berlin: Matthes & Seitz 2011.